
Autor:
Edgar Hilsenrath war einer der ungewöhnlichsten und zugleich kompromisslosesten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. Geboren 1926 in Leipzig, wuchs er in einem jüdischen Elternhaus auf und erlebte als Jugendlicher die Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er in ein Ghetto in Rumänien deportiert, eine Erfahrung, die sein späteres Schreiben tief prägen sollte. Anders als viele andere Autoren, die den Holocaust in einem ernsten, fast sakralen Ton behandelten, entwickelte Hilsenrath eine radikal andere literarische Stimme: Er verband grausame Realität mit bitterem Humor, Groteske und Satire.
Seine Werke sind nichts für Leser, die klare moralische Orientierung oder Trost suchen; sie zwingen dazu, sich mit den dunkelsten Seiten der Menschheit auseinanderzusetzen – und das oft auf eine Weise, die gleichzeitig schockiert und zum Lachen zwingt. Gerade diese Mischung macht ihn zu einer einzigartigen Stimme der Literatur des 20. Jahrhunderts.
Buch:
Besonders bekannt wurde sein Roman „Der Nazi & der Friseur“, in dem er die Geschichte eines SS-Mannes erzählt, der nach dem Krieg die Identität eines jüdischen Opfers annimmt. Das Buch erschien in deutscher Sprache erst 1977, wurde aber knapp 10 Jahre vorher geschrieben und im Ausland veröffentlicht. Für diese deutsche Ausgabe wurde gar das Schlusskapitel neu geschrieben
Hauptfiguren:
- Max Schulz alias Itzig Finkelstein
- Minna Schulz, seine Mutter
- Chaim Finkelstein, jüdischer Inhaber eines Friseursalons
- Itzig Finkelstein, sein Sohn
- Anton Slavitzki, arischer Inhaber eines heruntergekommenen Friseurladens
Der erste Teil handelt von der Vorkriegszeit in den 1920er Jahren in einer Kleinstadt, der Kindheit und Jugend von Max. Seine Mutter ist eine Prostituierte, daher weiß Max nicht, wer sein Vater ist, gleich 5 kommen in Frage. Mit seiner Mutter lebt er in armen Verhältnissen, wohnt bald mit seiner Mutter bei Anton. Er freundet sich mit Itzhak an und arbeitet später mit ihn zusammen im Friseursalon dessen Vaters.
Nach der Machtergreifung Hitlers tritt Max mit Anton sofort in die Partei ein und wird Mitglied der SA, später geht er zur SS. Von Anfang an erfährt der Leser, dass diese Biografie von Max die Geschichte eines Massenmörders sein wird. Aber die eigentliche Kriegszeit und seine Rolle als Mörder Tausender Juden wird recht kurz abgehandelt.
Nach dem Krieg kehrt Max zurück in das zerstörte Deutschland, kommt in Warthenau bei einer etwas seltsamen Frau Holle, die Mutter eines toten Kriegskameraden unter und will "wieder Wurzeln schlagen und wieder ein anständiges Leben führen". Er führt nur einen Sack mit sich, in dem sich Goldzähne befinden, mit deren Hilfe er ein neues Leben anfangen will. Von Warthenau zieht er weiter nach Berlin, nimmt die jüdische Identität von Itzig an, übersteht die Überprüfung, in dem er sich eine KZ-Nummer tätowieren und sich beschneiden lässt und wird ein erfolgreicher Händler auf den Schwarzmarkt, auch weil er eine Beziehung zu einer antisemitischen Gräfin beginnt, die Mann und Vermögen verloren hat und einen reichen Sponsor sucht.
Die Gräfin verzockt sein Vermögen, er muss wieder von vorne anfangen und nach einer weiteren Zeit als kleiner Schwarzmarkthändler geht er schließlich nach Israel, schon auf der langen Überfahrt fängt er wieder an als Friseur zu arbeiten. Dieses Kapitel ist erzählt in der Form, dass Max als Itzig zu eben Itzig spricht. In Palästina angekommen, lebt er ganz kurze Zeit im Kibbuz, bevor er nach einer kurzen Reise durch seine neue Heimat in einem Friseursalon in Beth David anheuert. Er heiratet die verfette Nichte Mira seines Chefs (ein Symbol für die Reaktion auf den Hunger im KZ, in dem Mira gewesen war). Und er wird Mitglied einer jüdischen Terrorgruppe, die vor allem gegen die Besatzungsmacht England kämpft, später geht er zur jüdischen Untergrundarmee Haganah.
1948 wird der Staat Israel gegründet, Itzig wird ein honoriges Mitglied der neuen israelischen Gesellschaft, hat später seinen eigenen Salon und lebt mit Mira in einem schönen Haus. Aber seine Vergangenheit verläßt ihn natürlich nicht und als er in den 1960 er einen alten deutschen Bekannten wieder trifft, mit dem er auf dem Schiff nach Israel kam, lässt er durchblicken, dass Max Schulz noch leben könnte. Warum auch immer kommt es zu einem Prozess, aber die wahre Geschichte, die er dem Richter erzählt, ist dann so hanebüchen, dass man ihm nicht glaubt und ihn für verrückt erklärt. Aber auch dieser ‚Prozess‘ ist nur fiktiv.
Lesespaßfaktor:
Das Buch ist zynisch geschrieben, oft gar grotesk. Es gibt einig schöne Sprachbilder ("Ich selbst war damals bloß ein kleiner Fisch. Ich hatte mich dem Teufel verschrieben, hatte mich mit Stiefeln und Uniform ans Rad der Geschichte gehängt, aber mein Gewicht fiel nicht sonderlich ins 'Gewicht'. Was ist schon ein kleiner Fisch? Und was ist schon eine Uniform? Und was sind schon ein paar Stiefel? Aber Millionen kleiner Fische ... mit Uniform und auch ohne ...mit Stiefeln und auch ohne ...all die kleinen Fische, die damals 'Ja' sagten und sich mit mir ans große Glücksrad gehängt hatten - die brachten das Rad in Schwung.) zeigen die erzählerische Kraft des Autors.
Aber daneben gibt es viel Vulgäres, klar das passt zu den Figuren im Buch, aber das hätte man literarisch auch besser ausdrücken können. Stilistisch interessant ist die wechselnde Erzählweise, mal ein Selbstgespräch, mal eine normale Erzählung und mal quasi ein Bericht an sein Alter Ego, seine jüdischen Freund Itzig aus Kindertagen.
Und die Gegensätze sind natürlich bewusst krass gesetzt, der Massenmörder der SS wird Kämpfer für den jüdischen Staat, die hungernde KZ-Insassin frisst sich zur dicksten Frau der Welt u.s.w. Den Mut hier aus Tätersicht die Shoa zu beschreiben, ein Täter, der sich ausgerechnet in einen Juden verwandelt, das ist schon eine spektakuläre Idee. Wäre das literarisch besser komponiert worden, dann hätte mir der Roman besser gefallen. Aber in Erinnerung bleibt er!
♥♥♥ ♡ ♡