Montag, 31. August 2026

Nino Haratischwili - Das Achte Leben (Für Brilka)



Autor:

Nino Haratischwili (* 1983, Tiflis) ist eine georgisch-deutsche Schriftstellerin, Dramatikerin und Theaterregisseurin, die seit vielen Jahren in Deutschland lebt. Sie studierte zunächst Filmregie in Tiflis und anschließend Theaterregie in Hamburg. Ihr Werk „Die Katze und der General“ stand 2018 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Sie hat zahlreiche Literatur- und Theaterpreise erhalten, etwa den Bertolt-Brecht-Literaturpreis.

Buch:

Dieser monumentale Familienroman aus dem Jahr 2014 hat die Schriftstellerin bekannt gemacht. Darin erzählt sie über mehrere Generationen einer georgischen Familie hinweg zugleich die Geschichte Georgiens und der Sowjetunion im 20. Jahrhundert. Ich habe das Buch anlässlich unserer Kaukasus-Reise in diesem Jahr empfohlen bekommen.

Hauptfiguren:
  • Niza, Icherzählerin, 32 Jahre, Gastprofessorin in Berlin
  • Aman Baron, 'der Baron', Musiker und Freund der Erzählerin, 27 Jahre alt
  • Daria, ihre gut 2 Jahre ältere Schwester
  • Anastasia 'Brilka', ihre 12-jährige Nichte
  • Elene, ihre Mutter
  • (Ana)Stasia, ihre Urgroßmutter
  • Schokoladenfabrikant, deren Vater
  • Ketevan, deren Mutter
  • Lara 'Larissa' Michailowna, deren Stiefmutter
  • Christine, deren jüngere Halbschwester
  • Lida, deren älteste Schwester
  • Meri, deren zweitälteste Schwester 
  • Simon Jaschi, ihr Ehemann
  • Konstantin 'Kostja', ihr Sohn (1921)
  • Kitty, ihre Tochter (1924)
  • Ramas Iosebidse, Ehemann von Christine
  • Sopio Eristawi, eine Freundin Stasias
  • Andro, ihr Sohn
  • Miqa, dessen Sohn
  • Giorgi Alania, Stubengenosse und später Freund von Kostja bei der Marine
  • Nana, Kostjas Ehefrau
  • Amy, Kitty Mäzenin in London
  • Fred Lieblich, Amys und später Kitty Freundin/Geliebte
  • Mirian 'Miro', Sohn von Miqa und Lana
Inhalt und Rezeption:

Im 2006 spielenden Prolog wird in groben Zügen die Heimat von Niza, nämlich Georgien, vorgestellt, genauso wie die Umstände ihrer Geburt sowie ihre Familie. Die erzählte Familiengeschichte widmet Niza ihrer Nichte Brilka. 

Buch 1: Stasia

1917: Stasia ist 17 und erhält überraschend Besuch von dem ihr unbekannten Simon, ihr Vater hat ihm erlaubt, sie zu besuchen. Sie denkt sofort daran, dass sie diesen 11 Jahre älteren Mann wird heiraten müssen und damit ihr Leben, ihre Wünsche (Ballett) vorbei seien. Rückblick: Ihre Mutter Ketevan ist kurz nach ihrer Geburt gestorben, ihr Vater, ein Chocolatier und erzkonservativer Unterstützer des zaristischen Russlands, ist ihr -in Ermangelung eines männlichen Erbens- sehr zugetan und will ihr sein Geheimrezept für die Schokoladen vermachen, dafür braucht es aber einen dem Vater genehmen Mannes, eben Simon. 1918 heiraten sie, Simon geht aber sofort nach Russland, um sich Trotzkis Armeen (als Brotbeschaffer) anzuschließen. Georgien wird vorübergehend unabhängig. Stasia reist ihrem Mann hinterher nach St. Petersburg, findet ihn aber nicht und schlüpft bei einer Cousine ihres Vater unter, Thekla, wo sie zwei Jahre bleibt, gefangen inmitten der Revolutionswirren.

Über Moskau, wo sie ihren Mann kurz trifft, von ihm schwanger wird, obwohl sie sich von ihm entfremdet fühlt, reist sie zurück nach Georgien. 1921 fällt dann auch Georgien in sowjetische Hände, Armut breitet sich aus, die Familie verliert ihr Unternehmen. Simon kehrt als Halbinvalide, vom Bürgerkrieg psychisch zerstört, zurück nach Georgien, mit Stasia zieht er aufs Land, beide sind unglücklich in ihrer Armut und Perspektivlosigkeit, Simon wir schließlich wieder zum Dienst einberufen, er soll Agenten der Tscheka ausbilden, einer Vorläuferorganisation des KGB.

Buch 2: Christine

Nachdem die Ehen seiner älteren Töchter unglücklich verlaufen sind, will Christines Vater eine bessere Partie für sie erzielen, was vermeintlich leicht ist aufgrund ihrer Schönheit. So heiratet sie den wesentlich älteren und vor allem im Dunstkreis von Stalin sehr reich gewordenen Ramas, ohne ihn aber zu lieben, der Reichtum korrumpiert sie. Zu Silvester veranstaltet Christine einen aufwändigen Maskenball, zu dem Ereignis ist Stasia extra nach Tiflis gereist. Dort trifft sie Sopio, eine Frauenrechtlerin und Dichterin, die beiden werden enge Freundinnen. Und der Chef von Ramas, Geheimdienstchef Beria (Kleiner Großer Mann) verguckt sich in Christine. Stasia zieht mit ihren Kindern auch nach Tiflis in das Haus ihrer Schwester und erlebt dort den großen Widerspruch zwischen Terror, Armut, Schreibverboten auf der einen und luxuriösen Festen der neuen Politelite auf der anderen Seite. Christine wird die Zwangsgeliebte von Beria, schwanger, treibt das Kind ab. Und sie warnt Stasia, dass ihr Umgang mit der als Dissidentin betrachtete Sopio gefährlich sei. Diese wird auch bald darauf verhaftet und deportiert, später ermordet, sie nimmt Andro zu sich. Ramas weiß Bescheid über Christines Rolle bei seinem Chef, um dem zu entfliehen,  schüttet er seiner Frau Säure ins Gesicht und erschießt sich selbst.

Buch 3: Kostja

Kostja geht nach St. Petersburg zur Marine, er ist sehr ehrgeizig, aber auch ein Kumpeltyp, trinkt viel, verliert mit 17 seine Unschuld an die viel ältere Ida, die Geschichten über seine mehr als doppelt so alte Geliebte sind m.E. eher überflüssig. Nach Abschluss der Ausbildung wird er auf die Krim versetzt. Der zweite Weltkrieg hat längst begonnen und bald marschiert die Wehrmacht auch in die Sowjetunion ein. 
Andro wird für eine Untergrundorganisation, die ein freies Georgien anstrebt und die dafür mit den Nazis zusammenarbeitet, rekrutiert. Dafür verlässt er Kitty, nicht wissend, dass sie ein Kind von ihm erwartet. Diese wird vom Geheimdienst verhaftet, verhört und schließlich wird ihr Kind zwangsweise tot geboren, da sie Andro nicht verrät bzw. nicht verraten kann, da sie ja nichts Genaues weiß, die  Krankenschwester Mariam rettet sie vorm Verbluten.
Stasia geht nach Moskau, will ihren Sohn überzeugen, sich zur sichereren Schwarzmeerflotte versetzen zu lassen, und bleibt wieder im Krieg stecken, kann nicht zurück und arbeitet als Hilfskraft in einer Kaserne. Simon stirbt in Stalingrad. Immerhin überlebt Kostja, nach einer Kriegsverletzung darf er sogar auf Heimaturlaub nach Tiflis kommen. Mit seiner Schwester hat er nicht mehr viel gemeinsam, hier der Soldat und Anhänger des Regimes, dort die Geliebte eines Partisanen, die das politische System ablehnt. Andro überlebt den Krieg und wird als Kriegsgefangener zurück in die UdSSR geschickt, er landet in einem Gulag, überlebt nur, weil zuletzt auf Texel an einem georgischen Aufstand teilgenommen hat. Kostja überlebt ebenfalls, trifft direkt nach dem Krieg seinen ehemaligen Stubengenossen Giorgi wieder, der Karriere im neuen System gemacht hat.

Buch 4: Kitty

Eines Tages steht Mariam vor Kitty Tür, sie hat Medizin studieren dürfen und kehrt nach Tiflis zurück, wenig später verlobt sie sich mit Kostja. Auf Einwirken Christines bei Beria kehrt Andro doch lebend zurück, aber das Wiedersehen löst bei Kitty keine Freude mehr aus. Zu viel ist passiert. Als Kitty mal mit ihrem Bruder auf ein Party geht, erfährt sie, dass dieser trotz seiner Verlobung ausgerechnet mit der verheirateten Frau namens Alla eine Affäre hat, die Kitty im Krieg gequält hat. In einer unsinnigen, blutigen Racheszene ermorden Kitty und Mariam diese Frau. Kostja, inzwischen Mitglied des Geheimdienstes dreht es so, dass nur Mariam die Schuld trägt, sie wird in ein Arbeitslager deportiert und dort später erschossen. Bei einem Kuraufenthalt lernt Kostja nach all seinen Enttäuschungen Nana kennen, daraus wird eine Vernunftehe. 
Auch Kitty will  Verantwortung übernehmen, das lässt die Familie aber nicht zu. Um seine Karriere nicht weiter zu gefährden sorgt Kostja dafür, dass Kitty in den Westen gehen muss. Sie landet über Umwege in London. Dort lernt sie die exaltierte, reiche Amy kennen, die ihr eine Musikkarriere ermöglicht. Eher nervig die lesbische Beziehung von Amy zu einer jüdisch-österreichischen Malerin namens Fred (die wiederum eine furchtbare Vergangenheit aus dem Krieg mitbringt), die dann auch noch temporär Kitty in ihren Bann zieht.
Nana bekommt ihr erstes von drei Kindern, eine Tochter namens Elene.

Buch 5: Elene

Elene wird im Alter von 6 Jahren gegen den Willen von Nana nach Moskau auf eine Schule für Parteikinder geschickt, sie hasst es dort, auch wenn sie immerhin Zeit mit ihrem Vater verbringen kann. Ihren Platz im Elternhaus in Tiflis nimmt wiederum Miqa ein, der Enkel von Stasias alter Freundin Sopia. Die Distanz zwischen ihren Eltern spürt, entscheidet sich aber für ihren Vater; Kostja macht Karriere im Militär, ist beteiligt an den ersten Atom U-Booten der UdSSR inkl. an den ersten atomaren Unfällen mit eben diesen Booten. 
Auf Wunsch ihrer Mutter kehrt Elene mit 15 zurück an eine Schule nach Tiflis. Sie beginnt zu rebellieren und hat Probleme mit der Anwesenheit von Miqa, sie provoziert ihn, sie haben dann sogar Sex, Elene unterstellt ihm eine Vergewaltigung, die Lage eskaliert, ihre Mutter beschließt die Abtreibung, ihr Mann darf nichts erfahren. Nach einem Ausflug in ein Kloster nimmt Kostja seine Tochter mit auf eine Kur nach Sotschi, wo sie aber erneut schwanger wird, diesmal vom ‚Strandboy‘ Vasili. Kostja will seiner Tochter ein bürgerliches Leben in Moskau einrichten, aber der von Amerika träumende Vasili verschwindet vor der Hochzeit und der Geburt von Daria, mit der Unterstützung Elenes. 
In London fliegt die Beziehung von Kitty und Fred auf, Amy trennt sich auch von Kitty, die wiederum nach Prag reist, wo sie ein Konzert geben soll und ihre Mutter endlich wiedersehen soll, der Prager Frühling kommt aber dazwischen, die Russen marschieren in Prag ein, es wird gefährlich, immerhin können sich die beiden auf einem Polizeirevier für eine Stunde sehen. Da ein westlicher Fotograf ein Foto von ihr gemacht hat, wie sie in Prag inmitten des Chaos auf ihrer Gitarre Musik macht, wird ihre Karriere angekurbelt. 
Nach der Geburt seiner Enkeltochter kehrt Kostja nach Tiflis zurück, geht dort in die Politik. Er will für seine Tochter da sein, aber in der Familie sind alle voneinander entfremdet. Als Christine Miqa zu sich nehmen will und Kostja zufällig in ihr Haus kommt, eskaliert die Lage, Kostja verprügelt den Jungen furchtbar, seine eigentlich gute Beziehung zu seiner Tante wird zerstört.
Elene findet Zugang zu Dissidentenkreisen in Tiflis, lernt Beqa kennen, wird wieder schwanger und drei Jahre nach Daria wird Niza geboren, ganz gegen den Willen von Kostja, der eine Abtreibung wollte, da er mit dem Vater, der dann übrigens für 5 Jahre ins Gefängnis musste, nicht einverstanden war.
Miqa dreht einen Abschlussfilm an der Filmhochschule, der vom Leben seiner Großmutter Sopio handelt, aber auch systemkritisch ist; er ist mit seiner Kommilitonin Lana zusammen, die ein Kind (Miro) von ihm erwartet. Da Kostja noch immer wütend auf ihn ist und ihm vorwirft, Elenes Leben verdorben zu haben, setzt er den Geheimdienst auf ihn an, so dass er festgenommen wird und in der Haft verstirbt. 
Kitty trifft Giorgi in London, der lange Jahre im Auftrag von Kostja auf sie aufgepasst hatte. Er erfüllt ihren Wunsch, in ihre Heimat reisen zu können, ein Konzert ist der offizielle Anlass, Giorgi dient als ihr Betreuer. Das Wiedersehen mit ihrer Familie ist schmerzhaft, ihr alter Freund Andro liegt im Sterben. Giorgi erfährt von Christine, dass vermutlich Beria sein unbekannter Vater sei, auch seine Mutter war wohl eine seiner Zwangsmätressen.

Buch 6: Daria

Die Halbschwestern Daria und Niza verstehen sich nur mäßig, Daria ist der Liebling Kostjas, Niza ist eher der Liebling Stasias. Elene lebt nun mit einem alternativen Schriftsteller zusammen und da sie ihre Kinder vermisst, entführt sie sie kurzerhand und bringt sie in das abgewrackte Haus, in dem sie lebt. Ihr Vater tobt und trotz Elenes Heirat mit Aleko besteht er darauf, dass sie ihre Kinder in seinem Haus belässt, die dort überwiegend von ihrer Urgroßmutter betreut werden. Niza, die Hochbegabte, ist das Mobbingopfer, in der Schule, Daria zieht im Hintergrund die Fäden. Immerhin vermittelt ihr der Partner Elenes einen Freund, ein verkappter Wissenschaftler, der ihre Neugier auf die Welt befriedigt und ihre Mutter nimmt sie mit zu Christine, wo sie Miro kennenlernt. 
Daria wird für einen Film gecastet, ausgerechnet über Miqa, den Filmstudenten, der seinen Film nicht zeigen konnte. Das kann natürlich nicht gutgehen, Kostja verbietet es und es war ausgerechnet Niza, die in einem schwachen Moment Darias Plan verraten hatte und daher ihren o.e. Mentor nicht mehr sehen darf. Das wenige Vertrauen, welches sie ihrem Großvater geschenkt hat, wird zum Bumerang. Aber sie entwickelt einen geheimen Plan, dass Daria im Geheimen doch die Rolle im Kinofilm spielen kann, was die beiden Schwestern einander näher bringt. Daria hat großen Erfolg, Kostjas Wutanfall verhallt, er ist zwangspensioniert worden und nicht mehr wichtig. 
Mit den einsetzenden Reformen unter Gorbatschow droht Kostja seinen Job zu verlieren, auch wirft man ihm Löcher in der Kasse vor. Er reist nach Moskau, um seinen Freund Alania aufzusuchen, der aber in seiner Depression, nicht mehr in London bei Kitty sein zu können, ziemlich verlottert ist, aber erkannt hat, dass das System der UdSSR zerbrechen wird, was Kostja selbst nicht wahrhaben will.
In London ist Kitty ihres Lebens überdrüssig, sie wird zerfressen von Schuldgefühlen aus der Vergangenheit. Als Fred nach längerer Zeit und Entzugskuren zurückkommt, reisen sie ans Meer, wo Kitty sich ins Meer stürzt und ertrinkt.  Kitty und Alania, der aus Moskau geflogen ist, trauern. Damit er eine Aufenthaltsrecht in England erhält, heiraten sie formal.
Niza beendet ihre Schule, es ist 1989, das Jahr der Veränderungen. Die unterschiedlichen Auffassungen -auch über die Zukunft Georgiens-, verursachen auch einen Riss mitten durch die Familie. Während der gewaltsamen Aufstände in Tiflis kommt ausgerechnet Christine ums Leben, sie, die schon verwirrt war und ihr Beria Trauma nicht überwinden konnte, stellte sich gegen die russische Besatzungsmacht. Daria heiratet einen Kameramann (Lascha), der aber nach der Hochzeit eifersüchtig auf ihren Erfolg ist und sie schlägt, sie gehen nach Moskau. Die Familie verarmt, rettet sich schließlich durch das Backen und Verkaufens des Schokoladenkuchens nach dem Geheimrezept von Stasias Vater. Darias Ehe läuft miserabel, ihr Mann wird heroinsüchtig, später wegen seiner Schulden angeschossen, dennoch wird sie schwanger und gebiert schließlich Brilka. Danach stürzt sie vollends ab.
In Georgien herrscht ein Krieg, das Land war in Abchasien einmarschiert, wohin Niza reisen will, aber kein Geld hat. Sie bittet ihre ehemaligen Pokermitspieler um Hilfe, einer von ihnen vergewaltigt sie stattdessen, auch wenn sie sich mit abgebrochenen Flaschen blutig wehrt, dies ist mal wieder so eine überflüssige Episode im Buch. Und sie belastet natürlich ihre Beziehung zu Miro. Überhaupt nervt die desaströse Beziehung der Halbschwestern den Leser bis hin zu Darias Tod, weil sie völlig betrunken vom Dach fiel. Auch Kostja stirbt kurz darauf, an den Folgen der Strahlenbelastung aus seiner Zeit mit den Atom U-Booten. Nach all den Verlusten beschließt Niza, nach Berlin auszuwandern, wozu sie dann den schwulen Severin, der während der Kriegswirren auf der Suche nach Antiquitäten für den Laden seines Vaters in Georgien war, heiratet, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Einige Jahre später stirbt auch Stasia im Alter von 99 Jahren, Niza kehrt aber nicht mehr nach Hause zurück.

Buch 7: Niza

In Berlin gewöhnt sie sich nur langsam an das neue Leben, erst nach zwei Jahren schreibt sie sich an der Uni für ein Geschichtsstudium ein, nebenbei arbeitet sie in einer Autowerkstatt. Aber ihr Leben bleibt unstet, Pokerrunden gehören dazu, zielloses Umherreisen und eine lose Beziehung zu dem Jazzmusiker Aman. Ihr Leben ändert sich, als sie von ihrer Mutter angerufen wird, sie solle ihre Nichte Brilka finden, diese sei von einer Tanzgruppe, mit der sie in Amsterdam war, ausgebüxt. Sie holt sie schließlich in Österreich ab und nimmt sie zu sich nach Berlin. Unwillig erkennt sie viele Parallelen zwischen sich und der ungezogenen 12-jährigen Brilka, sie fühlt sich überfordert, zu viel familiäre Erinnerungen, zu viele Forderungen eines jungen Mädchens, die sie auch mal hatte, aber für sich begraben hatte. Schließlich brechen sie zusammen mit dem Auto auf, um über Wien, wo sie Fred treffen wollen, weil Brilka die Rechte an der Musik ihrer Großtante für ihre Tanzperformance nutzen möchte, nach Georgien zu fahren. Aber Fred ist kürzlich verstorben. Niza liefert Brilka in Tiflis ab, ist für zwei Wochen mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, bevor sie wieder nach Berlin fliegt. Aber ihr altes Leben funktioniert nicht mehr, sie kündigt ihre Stelle, ihre Wohnung und reist erneut nach London, um sich von Giorgi Alania alles über ihre Familie erzählen zu lassen und beginnt ein Buch über ihre Familie zu schreiben, ein ganzes aufregendes Jahrhundert einer georgischen Familie.


Lesespaßfaktor:

Die Geschichten haben meist Tiefgang, schon manchmal aber auch etwas von einer Seifenoper, etwa wenn es um die Wirkung der Spezialmischung für den Kakao geht, die zu viel Gier in die Welt bringt und damit gefährlich ist für alle, die ihn kosten, aber sie entfalten auch einen gewissen Lesesog. Denn es gibt diese tiefgründigen Betrachtungen, als Beispiel sei erwähnt, wie Stasia über die Ausweglosigkeit des Lebens im georgischen Kommunismus (S. 192/193) berichtet oder zu Beginn des 6. Buches die Zusammenfassung dessen, was für Daria und Niza die Sowjetunion ausmachte.

Die Familiengeschichte ist geschickt verwoben mit den historischen Ereignissen, etwa dem Überfall, bei dem Stalin viel Geld für die sozialistische Sache in Tiflis erbeutete, die Kuba Krise bis hin zur Gegenwart nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

Insgesamt ist das Buch relativ leicht und damit recht schnell zu lesen, es ist schon ein 'Pageturner', der Leser sollte aber keine durchgängigen sprachlichen Höhenflüge erwarten. Für meinen Geschmack ist es zu umfangreich, die eine oder andere Volte in der Geschichte hätte man besser weggelassen. 

Zwei der wichtigsten Politiker der frühen UdSSR werden nicht mit Namen genannt, sondern nur als Kleiner Großer Mann (Beria) oder stählerner Mann bzw. Generalissimus (Stalin) bezeichnet, alle anderen mit Klarnamen, es ist auch besonders der despotische Beria, der hier eine Rolle für die Familie spielt. Die die Familie betreffenden Kriegsgräuel werden manchmal etwas zu plastisch beschrieben (Kittys Martyrium), aber ja, die Zeiten in der Sowjetunion waren auch für viele hart. 

Im Plot gibt es manchmal zu viel konstruierte Zufälle, etwa dass Kostja sich ausgerechnet heimlich in die Frau verliebt, die Kittys Baby auf dem Gewissen hat und man muss auch nicht alle möglichen außergewöhnlichen Lebensbedingungen in eine einzige Familie projizieren, ich meine damit etwa die Hochbegabungen, die außerordentliche Schönheit einzelner, die Vielfalt aller sexuellen Orientierungen. Dabei erinnert mich das Buch an eine XXL-Version eines Buches von Heinz G. Konsalik, immer eine Prise zu viel Sex & Crime.

Die Familie ist wichtig, steht auch irgendwie gewollt und oft ungewollt immer für die Protagonisten im Mittelpunkt, ist aber gleichzeitig auch oft ein Quell großen Unheils, großer Verletzungen und enttäuschter Erwartungen. Neben all den Familiengeschichten werden aber auch immer die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen beleuchtet, etwa die grassierende Korruption im georgischen Kommunismus.

Zusammenfassend finde ich das Buch sehr lesenswert. Trotz der manchmal zu reißerischen Geschichten sind die oft anschließenden Selbstbetrachtungen der Hauptfiguren über diese Situationen durchaus tiefgängig.

♥♡







Sonntag, 16. August 2026

Hermann Hesse - Gertrud


 

Autor:

Hermann Hesse ist einer der wenigen deutschen Literatur Nobelpreisträger. Er wurde 1877 in Calw geboren und lebte viele Jahre seines Lebens in der Schweiz. Er war kurze Zeit Buchhändler, lebte aber seit seinem ersten Romanerfolg mit 'Peter Camenzid' ab 1904 als freier Schriftsteller. Er verarbeitet in seine literarischen Werke eigene Lebenswege, Träume und Erkenntnisse, die aber von einer wunderbaren Allgemeingültigkeit sind.

Buch:

„Gertrud“ ist ein im Jahr 1910 erschienener Roman von Hermann Hesse, der sich zentral mit den Themen Liebe, Freundschaft und dem schmerzhaften Reifeprozess des Künstlertums auseinandersetzt. Es ist das einzige Werk, das Hesse selbst ausdrücklich und formal als klassischen Roman bezeichnete. Anlass der Lektüre ist eine Ausstellung von Aquarellen Hesses, die wir kürzlich besucht haben.

Hauptfiguren:
  • Kuhn, Icherzähler
  • Heinrich Muoth, ein Sänger
  • Imthor, Fabrikant
  • Gertrud, seine Tochter
  • Herr Lohe, ehemaliger Lehrer von Kuhn, jetzt der Theosophie zugewandt
  • Teiser, erster Geiger und Freund Kuhns
  • Brigitte, seine Schwester
Inhalt und Rezeption:

Der zunächst unbekannte Icherzähler Kuhn blickt auf sein Leben zurück. Als Kind entdeckt er seine Liebe zur Musik, die ihm alles bedeutet, obwohl er erst recht spät lernt, mit der Violine ein Instrument zu spielen. Nach Beendigung der Schule darf er auf ein Konservatorium gehen, auch entdeckt er seine Liebe zur Komposition. Das Studium aber fällt ihm schwer, zu viele Regeln hindern seine Kreativität. 

Im jugendlichen Überschwang verunglückt der Protagonist bei einer Schlittenfahrt schwer und ist seitdem mit einem lahmen Bein ein Krüppel. Es fällt ihm schwer, dies zu akzeptieren, aber während eines Urlaubs in den Bergen, den er ganz alleine antritt, kehrt die Begeisterung für die Musik zurück, er komponiert seine erste Sonate und einige Lieder. 

Zum Ende seines Studiums lernt er den Opernsänger Muoth ("...ein armer, stürmender Mensch, der lauter Kräfte und keine Ziele hat.") kennen, der über seinen Professor von seinen Liedern Kenntnis gewonnen hat und sie gerne singen möchte. Daraus entsteht dann eine nicht unproblematische Freundschaft der beiden. Auf Heinrichs Geburtstagsfeier führt Kuhn erstmals seine Sonate auf. Aber bald verlässt Muoth die Stadt und auch Kuhn beendet sein Studium und geht mangels Anstellung und Perspektive zunächst zurück zu seinen Eltern, wo er Geigenunterricht gibt und weitere Musik komponiert.

Einige Monate später erhält er einen Brief von Muoth, der ihm eine Anstellung als Geiger anbietet in dem Orchester des Theaters, in der er fest angestellt ist. Er freundet sich mit dem ersten Geiger an, aber er ist dennoch unglücklich, er wünscht sich eine Partnerin und eine intensivere Art der Freundschaft, gerade bei Frauen leidet er an dem (vielleicht eingebildeten) Gefühl, diese reden zwar gerne mit ihm, aber eher mitleidig wegen seiner Behinderung. Immerhin beginnt er mehr Erfolg mit seinen Kompositionen zu haben. 

Bei der Aufführung eines seiner Werke kernt er Imthor kennen, der ihn auch einlädt, ein neues Werk bei ihm zu Hause aufzuführen. Bei dieser Gelegenheit lernt er schließlich dessen Tochter Gertrud kennen. Er verliebt sich in die junge Musikkennerin und Sängerin, spricht für sich gar direkt von Liebe. Aber wie der Leser bereits ahnt, wird es eine unerfüllte Liebe werden, erleidet sehr unter der Situation und verflucht sein verkrüppeltes Bein. Aber sie arbeiten zusammen an seiner ersten Oper, sie soll die Titelrolle singen, der männliche Part ist Heinrich vorbehalten. 

Bei den Vorbereitungen für die Aufführung seiner ersten Oper lernen sich Gertrud und Heinrich kennen und -wie zu erwarten war- langsam sich zu lieben, auch wenn Heinrich den Ruf als grober Liebhaber hat, der seine Partnerinnen auch mal schlägt. Für Kuhn eine noch größere Qual, er entwickelt Suizidgedanken, doch bevor die in die Tat umsetzen kann, wird er zu seinem sterbenden Vater gerufen. Nach dessen Tod sucht er wieder seinen ehemaligen Lehrer Lohe auf, der eine Gemütskrankheit bei Kuhn diagnostiziert.

Auf Lohes Rat hin kümmert er sich um seine Mutter, aber die beiden tun sich nicht gut, nach ein paar Monaten kehrt Kuhn zurück in die Stadt seiner früheren Anstellung, beendet seine Oper und fühlt sich nun erwachsener, er opponiert nicht mehr gegen Gertruds Beziehung zu Heinrich. Verzichten könnte man m.E. Auf die Geschichte mit seiner Mutter und seiner Tante und ihrer erfolglosen Wohngemeinschaft. Immerhin nimmt er sie zu sich nach Hause, ihre Beziehung wird etwas besser. Kurz vor der Premiere seiner Oper reist Kuhn nach München, trifft dort Gertrud und Heinrich wieder, empfindet deren Ehe aber kalt und distanziert. 

Umgekehrt ist die Schwester seines Freundes Teiser schon lange in ihn verliebt, was er aber auch nicht bemerkt und erst nach der Premiere seiner Oper erfährt, als Brigitte anhand seiner schmachtenden Blicke auf Gertrud erkennen muss, dass ihre Liebe auch ausweglos ist. Und genauso geht es mit umgekehrten Vorzeichen zu Ende. Gertrud und Heinrich sind sich so fremd geworden, dass Gertrud zunächst temporär zu ihren Vater zurückkehrt, während Heinrich weiter auftritt, sich aber nur mit Alkohol dazu motivieren kann. Als Kuhn ihn in München besucht, erleben die beiden einen schönen Abend, Heinrich sinniert über ihre Freundschaft. In der folgenden Nacht aber bringt er sich um, das was Kuhn nicht geschafft hat. Gertrud überwindet ihre Trauer, aber zwischen ihr und Kuhn bleibt „nur“ eine lebenslange Freundschaft.


Lesespaßfaktor:

Die Themen in diesem wirklich schönen, noch durchaus aktuellen Roman sind Musik, Natur, Einsamkeit (erst Kuhn, in seinem „Krüppel sein,,) und später Gertrud) sowie Hochmut (Figur des Muoth). Hesse schafft es auch in diesem Roman wieder, die Gefühle eines Menschen in schöne Sprache zu verwandeln, geprägt von tiefen psychologischen Einsichten. "Was ein Mensch für sich ist und erlebt, wie er wird und wächst und krankt und stirbt, das alles ist unerzählbar." 

Enttäuschte Liebe führt zu Einsamkeit, zu einer Gemütskrankheit („Entwicklungskrankheit der Jugend“), zu Lebensfrust und zu Suizidgedanken, aber auch zu einer größeren Lebensweisheit im Alter.




Montag, 4. Mai 2026

Edgar Hilsenrath - Der Nazi und der Friseur

 

Autor:

Edgar Hilsenrath war einer der ungewöhnlichsten und zugleich kompromisslosesten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. Geboren 1926 in Leipzig, wuchs er in einem jüdischen Elternhaus auf und erlebte als Jugendlicher die Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er in ein Ghetto in Rumänien deportiert, eine Erfahrung, die sein späteres Schreiben tief prägen sollte. Anders als viele andere Autoren, die den Holocaust in einem ernsten, fast sakralen Ton behandelten, entwickelte Hilsenrath eine radikal andere literarische Stimme: Er verband grausame Realität mit bitterem Humor, Groteske und Satire.


Seine Werke sind nichts für Leser, die klare moralische Orientierung oder Trost suchen; sie zwingen dazu, sich mit den dunkelsten Seiten der Menschheit auseinanderzusetzen – und das oft auf eine Weise, die gleichzeitig schockiert und zum Lachen zwingt. Gerade diese Mischung macht ihn zu einer einzigartigen Stimme der Literatur des 20. Jahrhunderts.


Buch:

Besonders bekannt wurde sein Roman „Der Nazi & der Friseur“, in dem er die Geschichte eines SS-Mannes erzählt, der nach dem Krieg die Identität eines jüdischen Opfers annimmt. Das Buch erschien in deutscher Sprache erst 1977, wurde aber knapp 10 Jahre vorher geschrieben und im Ausland veröffentlicht. Für diese deutsche Ausgabe wurde gar das Schlusskapitel neu geschrieben

Hauptfiguren:
  • Max Schulz alias Itzig Finkelstein
  • Minna Schulz, seine Mutter
  • Chaim Finkelstein, jüdischer Inhaber eines Friseursalons
  • Itzig Finkelstein, sein Sohn
  • Anton Slavitzki, arischer Inhaber eines heruntergekommenen Friseurladens
Inhalt und Rezeption:

Der erste Teil handelt von der Vorkriegszeit in den 1920er Jahren in einer Kleinstadt, der Kindheit und Jugend von Max. Seine Mutter ist eine Prostituierte, daher weiß Max nicht, wer sein Vater ist, gleich 5 kommen in Frage. Mit seiner Mutter lebt er in armen Verhältnissen, wohnt bald mit seiner Mutter bei Anton. Er freundet sich mit Itzhak an und arbeitet später mit ihn zusammen im Friseursalon dessen Vaters. 

Nach der Machtergreifung Hitlers tritt Max mit Anton sofort in die Partei ein und wird Mitglied der SA, später geht er zur SS. Von Anfang an erfährt der Leser, dass diese Biografie von Max die Geschichte eines Massenmörders sein wird. Aber die eigentliche Kriegszeit und seine Rolle als Mörder Tausender Juden wird recht kurz abgehandelt.

Nach dem Krieg kehrt Max zurück in das zerstörte Deutschland, kommt in Warthenau bei einer etwas seltsamen Frau Holle, die Mutter eines toten Kriegskameraden unter und will "wieder Wurzeln schlagen und wieder ein anständiges Leben führen". Er führt nur einen Sack mit sich, in dem sich Goldzähne befinden, mit deren Hilfe er ein neues Leben anfangen will. Von Warthenau zieht er weiter nach Berlin, nimmt die jüdische Identität von Itzig  an, übersteht die Überprüfung, in dem er sich eine KZ-Nummer tätowieren und sich beschneiden lässt und wird ein erfolgreicher Händler auf den Schwarzmarkt, auch weil er eine Beziehung zu einer antisemitischen Gräfin beginnt, die Mann und Vermögen verloren hat und einen reichen Sponsor sucht.

Die Gräfin verzockt sein Vermögen, er muss wieder von vorne anfangen und nach einer weiteren Zeit als kleiner Schwarzmarkthändler geht er schließlich nach Israel, schon auf der langen Überfahrt fängt er wieder an als Friseur zu arbeiten. Dieses Kapitel ist erzählt in der Form, dass Max als Itzig zu eben Itzig spricht. In Palästina angekommen, lebt er ganz kurze Zeit im Kibbuz, bevor er nach einer kurzen Reise durch seine neue Heimat in einem Friseursalon in Beth David anheuert. Er heiratet die verfette Nichte Mira seines Chefs (ein Symbol für die Reaktion auf den Hunger im KZ, in dem Mira gewesen war). Und er wird Mitglied einer jüdischen Terrorgruppe, die vor allem gegen die Besatzungsmacht England kämpft, später geht er zur jüdischen Untergrundarmee Haganah.

1948 wird der Staat Israel gegründet, Itzig wird ein honoriges Mitglied der neuen israelischen Gesellschaft, hat später seinen eigenen Salon und lebt mit Mira in einem schönen Haus. Aber seine Vergangenheit verläßt ihn natürlich nicht und als er in den 1960 er einen alten deutschen Bekannten wieder trifft, mit dem er auf dem Schiff nach Israel kam, lässt er durchblicken, dass Max Schulz noch leben könnte. Warum auch immer kommt es zu einem Prozess, aber die wahre Geschichte, die er dem Richter erzählt, ist dann so hanebüchen, dass man ihm nicht glaubt und ihn für verrückt erklärt. Aber auch dieser ‚Prozess‘ ist nur fiktiv.


Lesespaßfaktor:

Das Buch ist zynisch geschrieben, oft gar grotesk. Es gibt einig schöne  Sprachbilder ("Ich selbst war damals bloß ein kleiner Fisch. Ich hatte mich dem Teufel verschrieben, hatte mich mit Stiefeln und Uniform ans Rad der Geschichte gehängt, aber mein Gewicht fiel nicht sonderlich ins 'Gewicht'. Was ist schon ein kleiner Fisch? Und was ist schon eine Uniform? Und was sind schon ein paar Stiefel? Aber Millionen kleiner Fische ... mit Uniform und auch ohne ...mit Stiefeln und auch ohne ...all die kleinen Fische, die damals 'Ja' sagten und sich mit mir ans große Glücksrad gehängt hatten - die brachten das Rad in Schwung.) zeigen die erzählerische Kraft des Autors.

Aber daneben gibt es viel Vulgäres, klar das passt zu den Figuren im Buch, aber das hätte man literarisch auch besser ausdrücken können. Stilistisch interessant ist die wechselnde Erzählweise, mal ein Selbstgespräch, mal eine normale Erzählung und mal quasi ein Bericht an sein Alter Ego, seine jüdischen Freund Itzig aus Kindertagen.

Und die Gegensätze sind natürlich bewusst krass gesetzt, der Massenmörder der SS wird Kämpfer für den jüdischen Staat, die hungernde KZ-Insassin frisst sich zur dicksten Frau der Welt u.s.w. Den Mut hier aus Tätersicht die Shoa zu beschreiben, ein Täter, der sich ausgerechnet in einen Juden verwandelt, das ist schon eine spektakuläre Idee. Wäre das literarisch besser komponiert worden, dann hätte mir der Roman besser gefallen. Aber in Erinnerung bleibt er!






Mittwoch, 29. April 2026

Hanns-Josef Ortheil - Schwebebahnen

 

Autor:

Hanns-Josef Ortheil ist ein bedeutender deutscher Autor, Essayist und Professor für Kreatives Schreiben. Er wurde 1951 in Köln geboren und zählt zu den produktivsten und vielseitigsten Gegenwartsautoren im deutschsprachigen Raum. Ortheil wuchs in einer stark von Musik geprägten Familie auf. Ursprünglich wollte er Pianist werden und studierte sogar Musik, bevor er sich ganz dem Schreiben zuwandte. Ein prägendes Element seiner Kindheit war, dass er lange kaum sprach; diese Erfahrung hat später viele seiner Texte beeinflusst, in denen es oft um Sprache, Wahrnehmung und Erinnerung geht.

Buch:

Das Werk erschien 2025 und ist eine Empfehlung meiner Mutter. 


Inhalt und Rezeption:

Der kleine Josef ist 7 Jahre alt, ein ganz besonderes Kind, introvertiert und hochbegabt, er spielt Klavier und fängt bereits früh mit dem Komponieren an, wobei ihm sein absolutes Gehör hilft. In der Kölner Grundschule kommt er nicht gut zurecht, so dass seine Eltern sich entschließen, nach Wuppertal zu ziehen, wo sein Vater bei der Bahn arbeitet uns seine Mutter eine kirchliche Bibliothek in einer Gemeinde mit aufbaut.

In Wuppertal lernt Josef bereits am ersten Tag eine neue Freundin kennen, die sich Mücke nennt, da sie ihren eigentlichen Namen Lisa nicht mag. Sie ist das genaue Gegenteil von Josef, quirlig, kommunikativ und lebenslustig. Die beiden verstehen sich bestens und verbringen jede freie Minute zusammen.

Die Geschichte entwickelt sich weiter, Josef geht erneut in die erste Klasse einer Grundschule, ist hier aber auch ein Außenseiter. Allerdings kümmert sich die junge Rektorin um ihn und versucht auch, seiner Mutter klar zu machen, wie besonders und anders Josef ist, was seine Eltern nicht wahrhaben wollen, da sie ihn ein normales Leben leben lassen wollen. 

Über die Dinge, für die er eine Passion entwickelt, wie z.B. Eisenbahnfahrpläne, Musik oder Laufen, weiß Josef schnell alles, aber alles, was andere Kinder in seinem Alter so machen, interessiert ihn überhaupt nicht. Als sein Vater, der aufgrund seiner Probleme mit seinem Vorgesetzten einen Zusammenbruch erleidet ist es Josef, der ihn zurück ins Leben führt. Am Ende versuchen die beiden, für die Familie eine Lösung zu finden, die allen gerecht wird, sie ziehen nach Mainz und Josef und Mücke finden eine Lösung, regelmäßig in Kontakt zu bleiben.

Lesespaßfaktor:

Seit sehr langer Zeit hat mich ein Roman nicht so sehr berührt wie dieser. Mit sehr präziser Sprache wird aus der Sicht des kleinen Genies Josef eine Geschichte erzählt, wie sich das Leben eines Außenseiters entwickeln kann, der in sich und in seinen Gedanken bzw. Träumen gefangen ist, aber durch die wunderbare kindliche Freundschaft ganz viel Lebensfreude entwickelt. 

Die Geschichte spielt in den 50er Jahren und als Leser konnte ich so richtig in diese frühe Nachkriegszeit eintauchen, als die Menschen noch kriegsgeschädigt waren, als es um Wideraufbaus und ein geregeltes Leben ging und als Kinder, die anders waren, ausgegrenzt wurden. Die Schwebebahn in Wuppertal steht symbolisch für den Verlauf eines solchen Lebens, zwischen Himmel und Erde, den eigenen Sinn och suchend. 

Kurzum, ein großartiges Buch!





Freitag, 10. April 2026

Louis-Ferdinand Celine - Reise ans Ende der Nacht

 


Autor:

Louis-Ferdinand Céline (1894 - 1961) war ein französischer Schriftsteller und promovierter Arzt. Bekannt wurde er 1932 durch diesen Roman. Er wuchs in unglücklichen und ärmlichen Verhältnissen auf. Nach der Schule scheiterten Versuche, Handelsassistent zu werden, also ging er zur Armee und wurde im 1. Weltkrieg bereits 1914 schwer verwundet. Dienstuntauglich, aber als 'Kriegsheld' standen ihm nun mehr Türen offen, er arbeitete u.a. in London an der französischen Botschaft und konnte ab 1918 Medizin studieren, er wurde Seuchenarzt und arbeitete an verschiedenen Hygieneprojekten auf der Welt. Politisch belastet ist er durch seinen Antisemitismus und seine Kollaboration 1940–44 mit den deutschen Besatzern, was die Wertschätzung seines Werks in Frankreich aber bis heute nicht wesentlich beeinträchtigt.

Buch:

Dieser Episodenroman ist Celines erster Roman und sein zweites literarisches Werk (nach einem Bühnenstück) überhaupt, es machte ihn schlagartig bekannt, auch weil das Werk sehr umstritten war. Vom 'Spiegel' wird es zu den 100 besten Romanen der letzten 100 Jahre gezählt. 

Hauptfigur:
  • Ferdinand Bardamu
Inhalt und Rezeption:

Der Protagonist Bardamu hat sich freiwillig zur Armee gemeldet und kämpft nun als einfacher Soldat im 1. Weltkrieg gegen die Deutschen, verwundert über den Krieg, denn er war in Deutschland zeitweise zur Schule gegangen. Schonungslos beschreibt er die Gräuel des direkten Kampfes an der Front und die ständige Angst vor dem Tod.

In diesem Beruf, dem, sich umbringen zu lassen, darf man nicht zimperlich sein, da muss man so tun, als ob das Leben weiterginge, und diese Lüge, die ist das Härteste. 
Der Roman ist nicht gespickt mit vielen konkreten Handlungen, sondern durchwirkt von den Betrachtungen von Bardamu aus der Sicht als älterer Mann, die vorkommenden Personen haben zwar Namen, aber keine ausgearbeitete Persönlichkeit. 

Nach einer Kriegsverletzung kehrt Bardamu nach Paris zurück und lernt in der Oper die amerikanische Krankenschwester Lola kennen, zu der er sich körperlich hingezogen fühlt. Für ihn dreht sich aber alle darum, nicht sterben zu wollen, den Krieg lehnt er total ab und als er Fieber bekam, kommt er auf eine Krankenstation, wo untersucht wird, ob er für die Front heilbar ist oder als Simulant entweder in die Irrenanstalt oder vor ein Erschießungskommando gehört. Lola verlässt ihn ob seines fehlenden Patriotismus. Genauso wie später Musyne, mit der er während seiner Rekonvaleszenz kurz liiert war. Aber durch allerlei Aufschneidereien und Lügen gelingt es ihm, die Armee verlassen zu können.

Er begibt sich auf einen alten Frachter und fährt mittellos in Richtung französischer Kolonien nach Afrika.  Er landet im Dschungel auf einem kleinen Außenposten einer französischen Handelsfirma. Das Leben dort ist unerträglich, durch dreckiges Wasser und schlechtes Essen ist der ständig krank, die Einheimischen wuseln um ihn herum, Kommunikation gibt es aber keine. Die Schwarzen heißen in diesem Buch noch Neger und sie werden mit allen gängigen Vorurteilen beschrieben, ohne aber dass die weißen Kolonialisten irgendwie besser dargestellt werden. 

Von dort treibt es ihn eines Tages wider weg, er landet in den USA, erst in New York, später in Detroit, wo er bei Ford arbeitet, die Entfremdung der Arbeit beklagt und wo er Lola wieder trifft, die ihn eine Weile aushält, da sie als Prostituierte über relativ viel Geld verfügt. Und sie ermuntert ihn, doch aus seinem Leben etwas zu machen. Schließlich kehrt Bardamu nach Frankreich zurück, studiert Medizin und lässt sich als Arzt in einem Banlieu der Stadt nieder. Wieder beschreibt er die deprimierenden Bedingungen, hat erst kaum Patienten, später behandelt er viele, erhält aber kein Geld dafür, so dass er selbst darben muss.

Nun, nach knapp 400 Seiten wird mir das hier beschriebene Leben einfach zu langweilig, die Menschen in Bardamus Umgebung gegeben irgendwie nicht so viel her, um mich zu interessieren. Daher beende ich meine Lektüre an dieser Stelle, die weiteren knapp 300 Seiten des langen Romans bleiben damit mir unerschlossen.




Lesespaßfaktor:

Das Werk strahlt einen zutiefst pessimistischer Grundton aus: "..., wir sind die Lustknaben von König Elend.". Es ist zunächst ein Antikriegsbuch, insgesamt ein Werk, dass die einfachen Leute darstellt, die eben auch das Kanonenfutter im Krieg sind. Das Werk ist keine chronologische Erzählung, es sind eher Erinnerungsfragmente, die so nach und nach hochkommen, eine innere Struktur der Erzählung gibt es nicht, etwas wie der Protagonist aus der Krankenstation herausgekommen ist. Das Buch ist weniger ein Entwicklungsroman als eine distanzierte nachträgliche Betrachtung des ‚Helden‘. zynisch, lakonisch, aber mit der Zeit auch langatmig und wenig inspirierend.


Freitag, 30. Januar 2026

Alberto Moravia - Die Römerin

 

Autor:

Alberto Moravia (1907–1990) war ein bedeutender italienischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter des realistischen und gesellschaftskritischen Romans in Italien. In seinen Werken thematisierte er häufig Entfremdung, sexuelle Moral, Machtverhältnisse, Langeweile und den geistigen Verfall des Bürgertums, besonders im Kontext des italienischen Faschismus und der Nachkriegszeit. Zu seinen bekanntesten Romanen zählen „Gli indifferenti“ (Die Gleichgültigen), „La noia“ (Die Langeweile) und „Il conformista“ (Der Konformist), von denen mehrere erfolgreich verfilmt wurden. Moravia schrieb zudem Essays, Kurzgeschichten und Reiseberichte. Sein klarer, nüchterner Stil und seine psychologische Genauigkeit machten ihn international bekannt.

Buch:

Das Werk zählt zur Jahrhundertedition des Bertelsmann Clubs und steht seit vielen Jahren in meiner Bibliothek. Veröffentlicht wurde das Buch erstmals 1947 unter dem Titel 'Adriana - Ein römisches Mädchen'. Das Werk wurde von der katholischen Kirche auf den Index gesetzt, da es als anstößig galt. Mal sehen!

Hauptfiguren:
  • Adriana,
  • ihre Mutter, Näherin
  • Gino Molinari, ein junger Mann aus der Nachbarschaft, Chauffeur
  • Gisella, ebenfalls ein Modell und ihre Freundin
  • Stefano Astarita, ein reicher Freund von Ricardo
  • Giacomo 'Mino' Diodati, ein junger Mann, mit dem Adriana sich anfreundet
  • Sonzogno, ein früherer Arbeitskollege von Gino
Inhalt und Rezeption:

Erster Teil:

Erzählt wird die Geschichte aus Sicht der älteren Ich-Erzählerin. Zu Beginn ist Adriana 16 Jahre alt, bildhübsch und beginnt als Aktmodell für Maler zu arbeiten, wie dies ihre Mutter, mit der sie zusammenlebt, auch schon getan hatte. Sie leben in Rom in armen Verhältnissen, ihr Vater ist gestorben und ihre Mutter arbeitet als Näherin. Beide träumen von einem besseren Leben. Die Mutter will die Schönheit der Tochter zu Geld machen. So soll sie Tänzerin in einem Varieté werden, aber dafür ist sie nicht geeignet, sie sei eher eine Amme. Sie selbst träumt von einer bürgerlichen Existent als Ehefrau mit eigenen Kindern. 

Eines Morgens lernt sie Gino kennen, der sie fortan morgens zu den Studios der Maler fährt und da er sich nicht leicht belästigt, verliebt sie sich in ihn und verlobt sich mit ihm und hält ihn zunächst für einen guten Mann. Moravia schafft es hier schon, dass der Leser direkt weiß, dass es dabei nicht bleiben wird. 
"Und es ist allbekannt, daß die Liebe eine Brille ist, durch die selbst ein Ungeheuer anziehend wirken kann."

Adriana wird von Gino entjungfert, ihre Mutter glaubt danach, dass er sie nicht mehr heiraten werde, da er schon alles hatte, was er begehrte. Und sie lernt die körperliche Befriedigung schätzen. Nicht nur ihre Mitter, sondern auch ihre neue Freundin Gisella missbilligen die Verlobung, sie versucht vielmehr, Adriana auf ihr Niveau herabzuziehen, also lieber für schöne Kleider mit reichen, wenn auch verheirateten Männer auszugehen als tugendhaft an einer Verlobung mit einem armen Chauffeur festzuhalten. Entsprechend hält Gino nichts von Gisella. Aber sie hat Erfolg: Auf einem Ausflug zusammen mit Stefano machen sie Adriana betrunken, so dass Stefano es leicht hat, sie gegen ihren Willen zum Sex zu zwingen, indem er droht, ihrem Verlobten von dem Ausflug zu erzählen. Aber dieser Vorfall machte Adriana hart und abweisend und sie akzeptiert erstmals Geld für die hier noch unfreiwillige Bereitstellung ihres Körpers.

Stefano ist aber so verliebt in Adriana, dass er seine Stellung bei der politischen Polizei ausnutzt, um ihr mitzuteilen, dass Gino bereits verheiratet sei. Sie ist zunächst traurig, aber beschließt dann, von nun an ihre Geld mit ihrer Schönheit zu verdienen und nicht mehr als Modell oder Hilfsnäherin zu arbeiten. Ein Handelsvertreter, den Gisella ihr zuführt, ist der erste Freier, ein selbstverliebter, langweiliger Mann, den sie mit nach Hause nimmt und damit gerade ihre Mutter düpiert. Schonungslos werden die jeweiligen Motive des Freiers und von Adriana dargestellt.

Sie legt ihre unterwürfige Art  und beginnt mit den Männern zu spielen. Zuvorderst mit Gino, den sie kalt abserviert, ohne ihm direkt zu sagen, dass sie weiß, dass er verheiratet ist. Das ist so wunderbar zynisch! Aber dennoch leidet Adriana unter ihrer neuen Rolle, unter dem kühlen Panzer befindet sich immer noch die sensible Seele des jungen, unschuldigen Mädchens. Zwar habe sie und ihre Mutter nun mehr Geld, aber das wird auch sofort ausgegeben, die Mutter hört auf zu arbeiten, wird träge und dick, Adriana kauft mehr Kleidung und fängt schnell an, sich in der neuen Routine zu langweilen. 

Zweiter Teil:

Es ist einige Zeit vergangen. Adriana geht ihrem Beruf nach, eines Tages lernt sie den politischen Aktivisten (Gegner des Mussolini Regimes) Giacomo 'Mino' kennen, als sie zusammen mit Gisella von zwei Männer angesprochen wird. In ihn verliebt sie sich, aber er weist sie zunächst zurück. Gino stellt ihr Sonzogno vor, einen gewalttätigen Schläger und Mörder, mit dem sie schlechte Erfahrungen macht, aber gleichzeitig auch von seiner macht und Rohheit angezogen wird; es dreht sich um eine von ihr vormals bei Ginos Chefin gestohlene Puderdose, wegen der dieser einen Juwelier getötet hat und wegen der ein unschuldiges Hausmädchen in Haft sitzt. Adriana schaltet Astarita ein, um das Hausmädchen zu retten.

Mino kommt zu Besuch und bittet sie, Unterlagen für ihn aufzubewahren, was sie gerne akzeptiert, da sie sie (einseitig) in ihn verliebt ist. Später besucht sie ihn, ihre Beziehung ist aber irgendwie seltsam, er ist gleichzeitig emotionslos distanziert und doch auch von ihr angezogen, liebt sie aber nicht und macht sich oft über sie lustig. Aber für Adriana ist es bisher die engste Beziehung, sie arbeitet zwar weiter als Prostituierte, aber sie glaubt nun, dabei Mino zu betrügen. Und dann trifft sie Sonzogno wieder und die Hoffnung auf ein neues Leben schwindet dahin, er schlägt sie und sie flüchtet vor ihm aus ihrem eigenen Zimmer, nur um festzustellen, dass am selben Tag Mino verhaftet wurde und kurze Zeit später die Polizei deshalb bei ihr vorbeischaute, dort ausgerechnet Sonzogno antraf, der einen Polizisten erschoss, flüchtete und nun glaubte, sie hätte ihn verraten.

Es stellt sich heraus, dass Mino nach seiner Verhaftung seine politischen Freunde verraten hat und deshalb, genauso wie aufgrund Adrianas Fürsprache bei Astarita, wieder entlassen wurde, sich nun aber mit Gewissensbissen quält. 

Adriana ist schwanger, ausgerechnet der Mörder Sonzogno ist ihrer Meinung der Vater, sie erzählt aber Mino, er sei der Vater, das ist ihre Hoffnung, dass er sie doch richtig zu lieben lernen könnte. Showdown: Die drei wichtigsten Männer in Adrianas Leben verschwinden: Astarita wird von Sonzogno wegen eines vorhergehendes Streites ermordet, der daraufhin von einem Unbekannten erschossen wird (war es vielleicht Mino?) und Mino verschwindet in derselben Nacht, er hat sich selbst erschossen, da er nicht über seinen Verrat hinwegkam und seinen Gefühlen für Adriana nicht trauen wollte.


Lesespaßfaktor:

Dieser Roman ist ein Werk über die Liebe, die Zerrissenheit, die Armut , über den Wunsch nach einem bürgerlichen Leben und dann wieder auch nicht. Er ist sehr psychologisch aus der Sicht einer jungen Frau erzählt, die ihr Leben als junge Prostituierte verbringt und immer von einem anderen Leben träumt. Die Erzählung über die unreife Jugend aus der Sicht der reiferen, erfahrenen Erwachsenen zu erzählen, das ist gut konstruiert und führt zu schönen kleinen Spitzen über die jugendliche Naivität, gleichzeitig ist aber auch klar, dass die vermeintlich reife Selbstreflexion der jungen Adriana nicht realistisch ist, dann es spricht der reife, intellektuelle Erzähler Moravia.

Moravia versteht es, Menschen zu beobachten und zu beschreiben, so über Adrianas ersten Freier: "..., er sprach nicht wegen besserer Verständlichkeit so deutlich, sondern um sich selbst zuzuhören und den Klang seiner Worte zu genießen.". Für die 1940er Jahre war die schonungslose Darstellung des Berufes einer Prostituierten vermutlich ziemlich radikal, so verwundert die Reaktion der Kirche auf diesen Roman nicht. 

Die Liebe ist oft einseitig, Adriana wird hoffnungslos geliebt von Astarita, den sie nicht liebt, umgekehrt geht es ihr mit Giacomo. Es geht auch um Armut und Reichtum, Adriana ist zwar schön, aber eben auch arm und ungebildet. Ein schönes Zitat: „Der Reiche liebt die Armen ganz gewiss nicht, aber er fürchtet sie auch nicht; er weiß selbstgefällig und stolz die Distanz zu wahren.“ 

Mir hat das Buch gut gefallen, es ist auch spannend zu lesen, dem Leser geht das Schicksal der Protagonistin und ihrer Träume nahe. Ein letztes schönes Zitat: "So sieht jeder das eigene Paradies in der Hölle der anderen."



Montag, 19. Januar 2026

Michael Köhlmeier - Das Philosophenschiff

 

Autor:

Michael Köhlmeier ist ein österreichischer Schriftsteller und Musiker, geboren 1949 in Hard am Bodensee. Bekannt wurde er vor allem durch seine zahlreichen Romane, Essays und seine freien Nacherzählungen antiker Mythen und biblischer Stoffe. Für sein vielseitiges Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Österreichischen Staatspreis für Literatur.

Buch:

Der Titel des Buches referenziert auf Schiffe, die russische Intellektuelle in den Westen brachten, die alle nicht mehr erwünscht waren im neuen bolschewistischen System, aber andererseits nicht als so gefährlich galten, dass man sie gleich hätte beseitigen müssen. Ich habe irgendwo mal eine positive Kritik gelesen, weshalb das Werk auf meiner Leseliste gelandet ist. 

Hauptfiguren:
  • Frau Professor Anouk Perleman-Jacob (APJ)
  • Maria 'Mascha', ihre Mutter, Ornithologin
  • Michael 'Mischa', ihr Vater, Schriftsteller
  • Nikolai Gumiljow, Dichter und Liebhaber der Mutter
  • Agafon Abramowitsch Morosow, 
  • Alic Winegard, ihre amerikanische Assistentin
Inhalt und Rezeption:

Der namenlose Icherzähler ist ein Schriftsteller, der zur Feier des 100. Geburtstags der berühmten russisch-stämmigen Architektin APJ eingeladen wurde, da sie ihn engagieren will, über ihr Leben zu schreiben. 

Ihre Geschichte beginnt 1922 in St. Petersburg, es ist die Zeit nach der russischen Revolution, die Familie musste erst zwangsweise in eine kleinere Wohnung umziehen, wird dann des Landes verwiesen, weil der Vater, selbst ein Schriftsteller, einen terroristischen Schriftsteller kannte, der aber zu den Menschewiken und nicht den Bolschewiken gehörte und damit ein potenziell konterrevolutionäres Element war. Im zwischenmenschlichen Bereich hatte die Mutter von APJ während eines Aufenthaltes in Paris ein Verhältnis mit Nikolai, dem besten Freund ihres Mannes, hat sogar eine Schwangerschaft abgebrochen.

Auf dem Schiff, dem 'Philosophenschiff', das Platz für 2.000 Menschen hätte, sind nur 12 Passagiere und vier Aufseher, ein älteres Paar begeht gleich zu Beginn Selbstmord, ein junger Mann wird vorgeblich verhaftet, der scheinbar gezwungen wurde, zuzugeben, er habe die tödlichen Pillen an Bord gebracht. Später entpuppen sich diese Leute als die Eltern eines Attentäters, der einen Anschlag auf Lenin verübt haben soll. Kurz werden die anderen Passagiere vorgestellt und APJ sinniert darüber, warum sie auf dem Schiff gelandet sein könnten. Aber der Leser lernt keine der Personen wirklich kennen. 

Das Schiff bleibt für mehrere Tage irgendwo stehen, ein anderes Boot kommt und bringt einen weitere Passagier an Bord, der in der 1. Klasse residiert, das ist Lenin. Es gibt ein banales Gespräch zwischen der 14-jährigen und dem kranken Revolutionäre. Und dann kommt noch heraus, dass ihre Eltern auch die Eltern eins vermeintlichen Attentäters kannten, der wiederum mit Nikolai befreundet war, ein möglicher Grund für die Ausweisung der Familie. Das Schiff bleibt wieder stehen, ein weiterer Mann kommt an Bord, der redet auf Lenin ein, wirft ihn dann von Bord, ohne Namensnennung war das wohl Stalin. Ende des Buches. 

Ähnlich wie in der Rahmengeschichte, in der AJK's Assistentin kurz auftaucht, die eine linke Terroristin war, weshalb AJK aus den USA ausgewiesen wurde, wo sie als Professorin für Architektur lehrte. Apropos Terrorismus. Der namenlose Erzähler hat einen alten Freund, der RAF Sympathisant war. 

Lesespaßfaktor:

Die fiktive Geschichte wird verwoben mit realen historischen der russischen Geschichte nach der Oktoberrevolution von 1917. Sie ist aber doch etwas banal geschrieben. Die Bolschewiken waren schlecht - ja, das waren sie-, sie nutzen gezielt Propaganda für ihre Zwecke - ja, genau wie heute Putin. In Bruchstücken werden die verschiedenen Zwangsmaßnahmen der russischen Autoritäten erwähnt. Jeder sollte jedem misstrauen. 

Irgendwie werde ich mit dem Roman nicht so richtig warm, alles fühlt sich seltsam distanziert an. Und es gibt keine wirkliche Geschichte. Eigentlich soll über die Verbannung berichtet werden, dann geht es plötzlich um freie Liebe, was soll das? Für mich insgesamt ein schwacher Roman, es überrascht mich, dass das Buch ein Verkaufserfolg war.