Autor:
Nino Haratischwili (* 1983, Tiflis) ist eine georgisch-deutsche Schriftstellerin, Dramatikerin und Theaterregisseurin, die seit vielen Jahren in Deutschland lebt. Sie studierte zunächst Filmregie in Tiflis und anschließend Theaterregie in Hamburg. Ihr Werk „Die Katze und der General“ stand 2018 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Sie hat zahlreiche Literatur- und Theaterpreise erhalten, etwa den Bertolt-Brecht-Literaturpreis.
Buch:
Dieser monumentale Familienroman aus dem Jahr 2014 hat die Schriftstellerin bekannt gemacht. Darin erzählt sie über mehrere Generationen einer georgischen Familie hinweg zugleich die Geschichte Georgiens und der Sowjetunion im 20. Jahrhundert. Ich habe das Buch anlässlich unserer Kaukasus-Reise in diesem Jahr empfohlen bekommen.
Hauptfiguren:
- Niza, Icherzählerin, 32 Jahre, Gastprofessorin in Berlin
- Aman Baron, 'der Baron', Musiker und Freund der Erzählerin, 27 Jahre alt
- Daria, ihre gut 2 Jahre ältere Schwester
- Anastasia 'Brilka', ihre 12-jährige Nichte
- Elene, ihre Mutter
- (Ana)Stasia, ihre Urgroßmutter
- Schokoladenfabrikant, deren Vater
- Ketevan, deren Mutter
- Lara 'Larissa' Michailowna, deren Stiefmutter
- Christine, deren jüngere Halbschwester
- Lida, deren älteste Schwester
- Meri, deren zweitälteste Schwester
- Simon Jaschi, ihr Ehemann
- Konstantin 'Kostja', ihr Sohn (1921)
- Kitty, ihre Tochter (1924)
- Ramas Iosebidse, Ehemann von Christine
- Sopio Eristawi, eine Freundin Stasias
- Andro, ihr Sohn
- Miqa, dessen Sohn
- Giorgi Alania, Stubengenosse und später Freund von Kostja bei der Marine
- Nana, Kostjas Ehefrau
- Amy, Kitty Mäzenin in London
- Fred Lieblich, Amys und später Kitty Freundin/Geliebte
- Mirian 'Miro', Sohn von Miqa und Lana
Inhalt und Rezeption:
Im 2006 spielenden Prolog wird in groben Zügen die Heimat von Niza, nämlich Georgien, vorgestellt, genauso wie die Umstände ihrer Geburt sowie ihre Familie. Die erzählte Familiengeschichte widmet Niza ihrer Nichte Brilka.
Buch 1: Stasia
1917: Stasia ist 17 und erhält überraschend Besuch von dem ihr unbekannten Simon, ihr Vater hat ihm erlaubt, sie zu besuchen. Sie denkt sofort daran, dass sie diesen 11 Jahre älteren Mann wird heiraten müssen und damit ihr Leben, ihre Wünsche (Ballett) vorbei seien. Rückblick: Ihre Mutter Ketevan ist kurz nach ihrer Geburt gestorben, ihr Vater, ein Chocolatier und erzkonservativer Unterstützer des zaristischen Russlands, ist ihr -in Ermangelung eines männlichen Erbens- sehr zugetan und will ihr sein Geheimrezept für die Schokoladen vermachen, dafür braucht es aber einen dem Vater genehmen Mannes, eben Simon. 1918 heiraten sie, Simon geht aber sofort nach Russland, um sich Trotzkis Armeen (als Brotbeschaffer) anzuschließen. Georgien wird vorübergehend unabhängig. Stasia reist ihrem Mann hinterher nach St. Petersburg, findet ihn aber nicht und schlüpft bei einer Cousine ihres Vater unter, Thekla, wo sie zwei Jahre bleibt, gefangen inmitten der Revolutionswirren.
Über Moskau, wo sie ihren Mann kurz trifft, von ihm schwanger wird, obwohl sie sich von ihm entfremdet fühlt, reist sie zurück nach Georgien. 1921 fällt dann auch Georgien in sowjetische Hände, Armut breitet sich aus, die Familie verliert ihr Unternehmen. Simon kehrt als Halbinvalide, vom Bürgerkrieg psychisch zerstört, zurück nach Georgien, mit Stasia zieht er aufs Land, beide sind unglücklich in ihrer Armut und Perspektivlosigkeit, Simon wir schließlich wieder zum Dienst einberufen, er soll Agenten der Tscheka ausbilden, einer Vorläuferorganisation des KGB.
Buch 2: Christine
Nachdem die Ehen seiner älteren Töchter unglücklich verlaufen sind, will Christines Vater eine bessere Partie für sie erzielen, was vermeintlich leicht ist aufgrund ihrer Schönheit. So heiratet sie den wesentlich älteren und vor allem im Dunstkreis von Stalin sehr reich gewordenen Ramas, ohne ihn aber zu lieben, der Reichtum korrumpiert sie. Zu Silvester veranstaltet Christine einen aufwändigen Maskenball, zu dem Ereignis ist Stasia extra nach Tiflis gereist. Dort trifft sie Sopio, eine Frauenrechtlerin und Dichterin, die beiden werden enge Freundinnen. Und der Chef von Ramas, Geheimdienstchef Beria (Kleiner Großer Mann) verguckt sich in Christine. Stasia zieht mit ihren Kindern auch nach Tiflis in das Haus ihrer Schwester und erlebt dort den großen Widerspruch zwischen Terror, Armut, Schreibverboten auf der einen und luxuriösen Festen der neuen Politelite auf der anderen Seite. Christine wird die Zwangsgeliebte von Beria, schwanger, treibt das Kind ab. Und sie warnt Stasia, dass ihr Umgang mit der als Dissidentin betrachtete Sopio gefährlich sei. Diese wird auch bald darauf verhaftet und deportiert, später ermordet, sie nimmt Andro zu sich. Ramas weiß Bescheid über Christines Rolle bei seinem Chef, um dem zu entfliehen, schüttet er seiner Frau Säure ins Gesicht und erschießt sich selbst.
Buch 3: Kostja
Kostja geht nach St. Petersburg zur Marine, er ist sehr ehrgeizig, aber auch ein Kumpeltyp, trinkt viel, verliert mit 17 seine Unschuld an die viel ältere Ida, die Geschichten über seine mehr als doppelt so alte Geliebte sind m.E. eher überflüssig. Nach Abschluss der Ausbildung wird er auf die Krim versetzt. Der zweite Weltkrieg hat längst begonnen und bald marschiert die Wehrmacht auch in die Sowjetunion ein.
Andro wird für eine Untergrundorganisation, die ein freies Georgien anstrebt und die dafür mit den Nazis zusammenarbeitet, rekrutiert. Dafür verlässt er Kitty, nicht wissend, dass sie ein Kind von ihm erwartet. Diese wird vom Geheimdienst verhaftet, verhört und schließlich wird ihr Kind zwangsweise tot geboren, da sie Andro nicht verrät bzw. nicht verraten kann, da sie ja nichts Genaues weiß, die Krankenschwester Mariam rettet sie vorm Verbluten.
Stasia geht nach Moskau, will ihren Sohn überzeugen, sich zur sichereren Schwarzmeerflotte versetzen zu lassen, und bleibt wieder im Krieg stecken, kann nicht zurück und arbeitet als Hilfskraft in einer Kaserne. Simon stirbt in Stalingrad. Immerhin überlebt Kostja, nach einer Kriegsverletzung darf er sogar auf Heimaturlaub nach Tiflis kommen. Mit seiner Schwester hat er nicht mehr viel gemeinsam, hier der Soldat und Anhänger des Regimes, dort die Geliebte eines Partisanen, die das politische System ablehnt. Andro überlebt den Krieg und wird als Kriegsgefangener zurück in die UdSSR geschickt, er landet in einem Gulag, überlebt nur, weil zuletzt auf Texel an einem georgischen Aufstand teilgenommen hat. Kostja überlebt ebenfalls, trifft direkt nach dem Krieg seinen ehemaligen Stubengenossen Giorgi wieder, der Karriere im neuen System gemacht hat.
Buch 4: Kitty
Eines Tages steht Mariam vor Kitty Tür, sie hat Medizin studieren dürfen und kehrt nach Tiflis zurück, wenig später verlobt sie sich mit Kostja. Auf Einwirken Christines bei Beria kehrt Andro doch lebend zurück, aber das Wiedersehen löst bei Kitty keine Freude mehr aus. Zu viel ist passiert. Als Kitty mal mit ihrem Bruder auf ein Party geht, erfährt sie, dass dieser trotz seiner Verlobung ausgerechnet mit der verheirateten Frau namens Alla eine Affäre hat, die Kitty im Krieg gequält hat. In einer unsinnigen, blutigen Racheszene ermorden Kitty und Mariam diese Frau. Kostja, inzwischen Mitglied des Geheimdienstes dreht es so, dass nur Mariam die Schuld trägt, sie wird in ein Arbeitslager deportiert und dort später erschossen. Bei einem Kuraufenthalt lernt Kostja nach all seinen Enttäuschungen Nana kennen, daraus wird eine Vernunftehe.
Auch Kitty will Verantwortung übernehmen, das lässt die Familie aber nicht zu. Um seine Karriere nicht weiter zu gefährden sorgt Kostja dafür, dass Kitty in den Westen gehen muss. Sie landet über Umwege in London. Dort lernt sie die exaltierte, reiche Amy kennen, die ihr eine Musikkarriere ermöglicht. Eher nervig die lesbische Beziehung von Amy zu einer jüdisch-österreichischen Malerin namens Fred (die wiederum eine furchtbare Vergangenheit aus dem Krieg mitbringt), die dann auch noch temporär Kitty in ihren Bann zieht.
Nana bekommt ihr erstes von drei Kindern, eine Tochter namens Elene.
Buch 5: Elene
Elene wird im Alter von 6 Jahren gegen den Willen von Nana nach Moskau auf eine Schule für Parteikinder geschickt, sie hasst es dort, auch wenn sie immerhin Zeit mit ihrem Vater verbringen kann. Ihren Platz im Elternhaus in Tiflis nimmt wiederum Miqa ein, der Enkel von Stasias alter Freundin Sopia. Die Distanz zwischen ihren Eltern spürt, entscheidet sich aber für ihren Vater; Kostja macht Karriere im Militär, ist beteiligt an den ersten Atom U-Booten der UdSSR inkl. an den ersten atomaren Unfällen mit eben diesen Booten.
Auf Wunsch ihrer Mutter kehrt Elene mit 15 zurück an eine Schule nach Tiflis. Sie beginnt zu rebellieren und hat Probleme mit der Anwesenheit von Miqa, sie provoziert ihn, sie haben dann sogar Sex, Elene unterstellt ihm eine Vergewaltigung, die Lage eskaliert, ihre Mutter beschließt die Abtreibung, ihr Mann darf nichts erfahren. Nach einem Ausflug in ein Kloster nimmt Kostja seine Tochter mit auf eine Kur nach Sotschi, wo sie aber erneut schwanger wird, diesmal vom ‚Strandboy‘ Vasili. Kostja will seiner Tochter ein bürgerliches Leben in Moskau einrichten, aber der von Amerika träumende Vasili verschwindet vor der Hochzeit und der Geburt von Daria, mit der Unterstützung Elenes.
In London fliegt die Beziehung von Kitty und Fred auf, Amy trennt sich auch von Kitty, die wiederum nach Prag reist, wo sie ein Konzert geben soll und ihre Mutter endlich wiedersehen soll, der Prager Frühling kommt aber dazwischen, die Russen marschieren in Prag ein, es wird gefährlich, immerhin können sich die beiden auf einem Polizeirevier für eine Stunde sehen. Da ein westlicher Fotograf ein Foto von ihr gemacht hat, wie sie in Prag inmitten des Chaos auf ihrer Gitarre Musik macht, wird ihre Karriere angekurbelt.
Nach der Geburt seiner Enkeltochter kehrt Kostja nach Tiflis zurück, geht dort in die Politik. Er will für seine Tochter da sein, aber in der Familie sind alle voneinander entfremdet. Als Christine Miqa zu sich nehmen will und Kostja zufällig in ihr Haus kommt, eskaliert die Lage, Kostja verprügelt den Jungen furchtbar, seine eigentlich gute Beziehung zu seiner Tante wird zerstört.
Elene findet Zugang zu Dissidentenkreisen in Tiflis, lernt Beqa kennen, wird wieder schwanger und drei Jahre nach Daria wird Niza geboren, ganz gegen den Willen von Kostja, der eine Abtreibung wollte, da er mit dem Vater, der dann übrigens für 5 Jahre ins Gefängnis musste, nicht einverstanden war.
Miqa dreht einen Abschlussfilm an der Filmhochschule, der vom Leben seiner Großmutter Sopio handelt, aber auch systemkritisch ist; er ist mit seiner Kommilitonin Lana zusammen, die ein Kind (Miro) von ihm erwartet. Da Kostja noch immer wütend auf ihn ist und ihm vorwirft, Elenes Leben verdorben zu haben, setzt er den Geheimdienst auf ihn an, so dass er festgenommen wird und in der Haft verstirbt.
Kitty trifft Giorgi in London, der lange Jahre im Auftrag von Kostja auf sie aufgepasst hatte. Er erfüllt ihren Wunsch, in ihre Heimat reisen zu können, ein Konzert ist der offizielle Anlass, Giorgi dient als ihr Betreuer. Das Wiedersehen mit ihrer Familie ist schmerzhaft, ihr alter Freund Andro liegt im Sterben. Giorgi erfährt von Christine, dass vermutlich Beria sein unbekannter Vater sei, auch seine Mutter war wohl eine seiner Zwangsmätressen.
Buch 6: Daria
Die Halbschwestern Daria und Niza verstehen sich nur mäßig, Daria ist der Liebling Kostjas, Niza ist eher der Liebling Stasias. Elene lebt nun mit einem alternativen Schriftsteller zusammen und da sie ihre Kinder vermisst, entführt sie sie kurzerhand und bringt sie in das abgewrackte Haus, in dem sie lebt. Ihr Vater tobt und trotz Elenes Heirat mit Aleko besteht er darauf, dass sie ihre Kinder in seinem Haus belässt, die dort überwiegend von ihrer Urgroßmutter betreut werden. Niza, die Hochbegabte, ist das Mobbingopfer, in der Schule, Daria zieht im Hintergrund die Fäden. Immerhin vermittelt ihr der Partner Elenes einen Freund, ein verkappter Wissenschaftler, der ihre Neugier auf die Welt befriedigt und ihre Mutter nimmt sie mit zu Christine, wo sie Miro kennenlernt.
Daria wird für einen Film gecastet, ausgerechnet über Miqa, den Filmstudenten, der seinen Film nicht zeigen konnte. Das kann natürlich nicht gutgehen, Kostja verbietet es und es war ausgerechnet Niza, die in einem schwachen Moment Darias Plan verraten hatte und daher ihren o.e. Mentor nicht mehr sehen darf. Das wenige Vertrauen, welches sie ihrem Großvater geschenkt hat, wird zum Bumerang. Aber sie entwickelt einen geheimen Plan, dass Daria im Geheimen doch die Rolle im Kinofilm spielen kann, was die beiden Schwestern einander näher bringt. Daria hat großen Erfolg, Kostjas Wutanfall verhallt, er ist zwangspensioniert worden und nicht mehr wichtig.
Mit den einsetzenden Reformen unter Gorbatschow droht Kostja seinen Job zu verlieren, auch wirft man ihm Löcher in der Kasse vor. Er reist nach Moskau, um seinen Freund Alania aufzusuchen, der aber in seiner Depression, nicht mehr in London bei Kitty sein zu können, ziemlich verlottert ist, aber erkannt hat, dass das System der UdSSR zerbrechen wird, was Kostja selbst nicht wahrhaben will.
In London ist Kitty ihres Lebens überdrüssig, sie wird zerfressen von Schuldgefühlen aus der Vergangenheit. Als Fred nach längerer Zeit und Entzugskuren zurückkommt, reisen sie ans Meer, wo Kitty sich ins Meer stürzt und ertrinkt. Kitty und Alania, der aus Moskau geflogen ist, trauern. Damit er eine Aufenthaltsrecht in England erhält, heiraten sie formal.
Niza beendet ihre Schule, es ist 1989, das Jahr der Veränderungen. Die unterschiedlichen Auffassungen -auch über die Zukunft Georgiens-, verursachen auch einen Riss mitten durch die Familie. Während der gewaltsamen Aufstände in Tiflis kommt ausgerechnet Christine ums Leben, sie, die schon verwirrt war und ihr Beria Trauma nicht überwinden konnte, stellte sich gegen die russische Besatzungsmacht. Daria heiratet einen Kameramann (Lascha), der aber nach der Hochzeit eifersüchtig auf ihren Erfolg ist und sie schlägt, sie gehen nach Moskau. Die Familie verarmt, rettet sich schließlich durch das Backen und Verkaufens des Schokoladenkuchens nach dem Geheimrezept von Stasias Vater. Darias Ehe läuft miserabel, ihr Mann wird heroinsüchtig, später wegen seiner Schulden angeschossen, dennoch wird sie schwanger und gebiert schließlich Brilka. Danach stürzt sie vollends ab.
In Georgien herrscht ein Krieg, das Land war in Abchasien einmarschiert, wohin Niza reisen will, aber kein Geld hat. Sie bittet ihre ehemaligen Pokermitspieler um Hilfe, einer von ihnen vergewaltigt sie stattdessen, auch wenn sie sich mit abgebrochenen Flaschen blutig wehrt, dies ist mal wieder so eine überflüssige Episode im Buch. Und sie belastet natürlich ihre Beziehung zu Miro. Überhaupt nervt die desaströse Beziehung der Halbschwestern den Leser bis hin zu Darias Tod, weil sie völlig betrunken vom Dach fiel. Auch Kostja stirbt kurz darauf, an den Folgen der Strahlenbelastung aus seiner Zeit mit den Atom U-Booten. Nach all den Verlusten beschließt Niza, nach Berlin auszuwandern, wozu sie dann den schwulen Severin, der während der Kriegswirren auf der Suche nach Antiquitäten für den Laden seines Vaters in Georgien war, heiratet, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Einige Jahre später stirbt auch Stasia im Alter von 99 Jahren, Niza kehrt aber nicht mehr nach Hause zurück.
Buch 7: Niza
In Berlin gewöhnt sie sich nur langsam an das neue Leben, erst nach zwei Jahren schreibt sie sich an der Uni für ein Geschichtsstudium ein, nebenbei arbeitet sie in einer Autowerkstatt. Aber ihr Leben bleibt unstet, Pokerrunden gehören dazu, zielloses Umherreisen und eine lose Beziehung zu dem Jazzmusiker Aman. Ihr Leben ändert sich, als sie von ihrer Mutter angerufen wird, sie solle ihre Nichte Brilka finden, diese sei von einer Tanzgruppe, mit der sie in Amsterdam war, ausgebüxt. Sie holt sie schließlich in Österreich ab und nimmt sie zu sich nach Berlin. Unwillig erkennt sie viele Parallelen zwischen sich und der ungezogenen 12-jährigen Brilka, sie fühlt sich überfordert, zu viel familiäre Erinnerungen, zu viele Forderungen eines jungen Mädchens, die sie auch mal hatte, aber für sich begraben hatte. Schließlich brechen sie zusammen mit dem Auto auf, um über Wien, wo sie Fred treffen wollen, weil Brilka die Rechte an der Musik ihrer Großtante für ihre Tanzperformance nutzen möchte, nach Georgien zu fahren. Aber Fred ist kürzlich verstorben. Niza liefert Brilka in Tiflis ab, ist für zwei Wochen mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, bevor sie wieder nach Berlin fliegt. Aber ihr altes Leben funktioniert nicht mehr, sie kündigt ihre Stelle, ihre Wohnung und reist erneut nach London, um sich von Giorgi Alania alles über ihre Familie erzählen zu lassen und beginnt ein Buch über ihre Familie zu schreiben, ein ganzes aufregendes Jahrhundert einer georgischen Familie.
Lesespaßfaktor:
Die Geschichten haben meist Tiefgang, schon manchmal aber auch etwas von einer Seifenoper, etwa wenn es um die Wirkung der Spezialmischung für den Kakao geht, die zu viel Gier in die Welt bringt und damit gefährlich ist für alle, die ihn kosten, aber sie entfalten auch einen gewissen Lesesog. Denn es gibt diese tiefgründigen Betrachtungen, als Beispiel sei erwähnt, wie Stasia über die Ausweglosigkeit des Lebens im georgischen Kommunismus (S. 192/193) berichtet oder zu Beginn des 6. Buches die Zusammenfassung dessen, was für Daria und Niza die Sowjetunion ausmachte.
Die Familiengeschichte ist geschickt verwoben mit den historischen Ereignissen, etwa dem Überfall, bei dem Stalin viel Geld für die sozialistische Sache in Tiflis erbeutete, die Kuba Krise bis hin zur Gegenwart nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.
Insgesamt ist das Buch relativ leicht und damit recht schnell zu lesen, es ist schon ein 'Pageturner', der Leser sollte aber keine durchgängigen sprachlichen Höhenflüge erwarten. Für meinen Geschmack ist es zu umfangreich, die eine oder andere Volte in der Geschichte hätte man besser weggelassen.
Zwei der wichtigsten Politiker der frühen UdSSR werden nicht mit Namen genannt, sondern nur als Kleiner Großer Mann (Beria) oder stählerner Mann bzw. Generalissimus (Stalin) bezeichnet, alle anderen mit Klarnamen, es ist auch besonders der despotische Beria, der hier eine Rolle für die Familie spielt. Die die Familie betreffenden Kriegsgräuel werden manchmal etwas zu plastisch beschrieben (Kittys Martyrium), aber ja, die Zeiten in der Sowjetunion waren auch für viele hart.
Im Plot gibt es manchmal zu viel konstruierte Zufälle, etwa dass Kostja sich ausgerechnet heimlich in die Frau verliebt, die Kittys Baby auf dem Gewissen hat und man muss auch nicht alle möglichen außergewöhnlichen Lebensbedingungen in eine einzige Familie projizieren, ich meine damit etwa die Hochbegabungen, die außerordentliche Schönheit einzelner, die Vielfalt aller sexuellen Orientierungen. Dabei erinnert mich das Buch an eine XXL-Version eines Buches von Heinz G. Konsalik, immer eine Prise zu viel Sex & Crime.
Die Familie ist wichtig, steht auch irgendwie gewollt und oft ungewollt immer für die Protagonisten im Mittelpunkt, ist aber gleichzeitig auch oft ein Quell großen Unheils, großer Verletzungen und enttäuschter Erwartungen. Neben all den Familiengeschichten werden aber auch immer die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen beleuchtet, etwa die grassierende Korruption im georgischen Kommunismus.
Zusammenfassend finde ich das Buch sehr lesenswert. Trotz der manchmal zu reißerischen Geschichten sind die oft anschließenden Selbstbetrachtungen der Hauptfiguren über diese Situationen durchaus tiefgängig.
♥♥♥♥♡