Mittwoch, 29. April 2026

Hanns-Josef Ortheil - Schwebebahnen

 

Autor:

Hanns-Josef Ortheil ist ein bedeutender deutscher Autor, Essayist und Professor für Kreatives Schreiben. Er wurde 1951 in Köln geboren und zählt zu den produktivsten und vielseitigsten Gegenwartsautoren im deutschsprachigen Raum. Ortheil wuchs in einer stark von Musik geprägten Familie auf. Ursprünglich wollte er Pianist werden und studierte sogar Musik, bevor er sich ganz dem Schreiben zuwandte. Ein prägendes Element seiner Kindheit war, dass er lange kaum sprach; diese Erfahrung hat später viele seiner Texte beeinflusst, in denen es oft um Sprache, Wahrnehmung und Erinnerung geht.

Buch:

Das Werk erschien 2025 und ist eine Empfehlung meiner Mutter. 


Inhalt und Rezeption:

Der kleine Josef ist 7 Jahre alt, ein ganz besonderes Kind, introvertiert und hochbegabt, er spielt Klavier und fängt bereits früh mit dem Komponieren an, wobei ihm sein absolutes Gehör hilft. In der Kölner Grundschule kommt er nicht gut zurecht, so dass seine Eltern sich entschließen, nach Wuppertal zu ziehen, wo sein Vater bei der Bahn arbeitet uns seine Mutter eine kirchliche Bibliothek in einer Gemeinde mit aufbaut.

In Wuppertal lernt Josef bereits am ersten Tag eine neue Freundin kennen, die sich Mücke nennt, da sie ihren eigentlichen Namen Lisa nicht mag. Sie ist das genaue Gegenteil von Josef, quirlig, kommunikativ und lebenslustig. Die beiden verstehen sich bestens und verbringen jede freie Minute zusammen.

Die Geschichte entwickelt sich weiter, Josef geht erneut in die erste Klasse einer Grundschule, ist hier aber auch ein Außenseiter. Allerdings kümmert sich die junge Rektorin um ihn und versucht auch, seiner Mutter klar zu machen, wie besonders und anders Josef ist, was seine Eltern nicht wahrhaben wollen, da sie ihn ein normales Leben leben lassen wollen. 

Über die Dinge, für die er eine Passion entwickelt, wie z.B. Eisenbahnfahrpläne, Musik oder Laufen, weiß Josef schnell alles, aber alles, was andere Kinder in seinem Alter so machen, interessiert ihn überhaupt nicht. Als sein Vater, der aufgrund seiner Probleme mit seinem Vorgesetzten einen Zusammenbruch erleidet ist es Josef, der ihn zurück ins Leben führt. Am Ende versuchen die beiden, für die Familie eine Lösung zu finden, die allen gerecht wird, sie ziehen nach Mainz und Josef und Mücke finden eine Lösung, regelmäßig in Kontakt zu bleiben.

Lesespaßfaktor:

Seit sehr langer Zeit hat mich ein Roman nicht so sehr berührt wie dieser. Mit sehr präziser Sprache wird aus der Sicht des kleinen Genies Josef eine Geschichte erzählt, wie sich das Leben eines Außenseiters entwickeln kann, der in sich und in seinen Gedanken bzw. Träumen gefangen ist, aber durch die wunderbare kindliche Freundschaft ganz viel Lebensfreude entwickelt. 

Die Geschichte spielt in den 50er Jahren und als Leser konnte ich so richtig in diese frühe Nachkriegszeit eintauchen, als die Menschen noch kriegsgeschädigt waren, als es um Wideraufbaus und ein geregeltes Leben ging und als Kinder, die anders waren, ausgegrenzt wurden. Die Schwebebahn in Wuppertal steht symbolisch für den Verlauf eines solchen Lebens, zwischen Himmel und Erde, den eigenen Sinn och suchend. 

Kurzum, ein großartiges Buch!





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