Sonntag, 16. August 2026

Hermann Hesse - Gertrud


 

Autor:

Hermann Hesse ist einer der wenigen deutschen Literatur Nobelpreisträger. Er wurde 1877 in Calw geboren und lebte viele Jahre seines Lebens in der Schweiz. Er war kurze Zeit Buchhändler, lebte aber seit seinem ersten Romanerfolg mit 'Peter Camenzid' ab 1904 als freier Schriftsteller. Er verarbeitet in seine literarischen Werke eigene Lebenswege, Träume und Erkenntnisse, die aber von einer wunderbaren Allgemeingültigkeit sind.

Buch:

„Gertrud“ ist ein im Jahr 1910 erschienener Roman von Hermann Hesse, der sich zentral mit den Themen Liebe, Freundschaft und dem schmerzhaften Reifeprozess des Künstlertums auseinandersetzt. Es ist das einzige Werk, das Hesse selbst ausdrücklich und formal als klassischen Roman bezeichnete. Anlass der Lektüre ist eine Ausstellung von Aquarellen Hesses, die wir kürzlich besucht haben.

Hauptfiguren:
  • Kuhn, Icherzähler
  • Heinrich Muoth, ein Sänger
  • Imthor, Fabrikant
  • Gertrud, seine Tochter
  • Herr Lohe, ehemaliger Lehrer von Kuhn, jetzt der Theosophie zugewandt
  • Teiser, erster Geiger und Freund Kuhns
  • Brigitte, seine Schwester
Inhalt und Rezeption:

Der zunächst unbekannte Icherzähler Kuhn blickt auf sein Leben zurück. Als Kind entdeckt er seine Liebe zur Musik, die ihm alles bedeutet, obwohl er erst recht spät lernt, mit der Violine ein Instrument zu spielen. Nach Beendigung der Schule darf er auf ein Konservatorium gehen, auch entdeckt er seine Liebe zur Komposition. Das Studium aber fällt ihm schwer, zu viele Regeln hindern seine Kreativität. 

Im jugendlichen Überschwang verunglückt der Protagonist bei einer Schlittenfahrt schwer und ist seitdem mit einem lahmen Bein ein Krüppel. Es fällt ihm schwer, dies zu akzeptieren, aber während eines Urlaubs in den Bergen, den er ganz alleine antritt, kehrt die Begeisterung für die Musik zurück, er komponiert seine erste Sonate und einige Lieder. 

Zum Ende seines Studiums lernt er den Opernsänger Muoth ("...ein armer, stürmender Mensch, der lauter Kräfte und keine Ziele hat.") kennen, der über seinen Professor von seinen Liedern Kenntnis gewonnen hat und sie gerne singen möchte. Daraus entsteht dann eine nicht unproblematische Freundschaft der beiden. Auf Heinrichs Geburtstagsfeier führt Kuhn erstmals seine Sonate auf. Aber bald verlässt Muoth die Stadt und auch Kuhn beendet sein Studium und geht mangels Anstellung und Perspektive zunächst zurück zu seinen Eltern, wo er Geigenunterricht gibt und weitere Musik komponiert.

Einige Monate später erhält er einen Brief von Muoth, der ihm eine Anstellung als Geiger anbietet in dem Orchester des Theaters, in der er fest angestellt ist. Er freundet sich mit dem ersten Geiger an, aber er ist dennoch unglücklich, er wünscht sich eine Partnerin und eine intensivere Art der Freundschaft, gerade bei Frauen leidet er an dem (vielleicht eingebildeten) Gefühl, diese reden zwar gerne mit ihm, aber eher mitleidig wegen seiner Behinderung. Immerhin beginnt er mehr Erfolg mit seinen Kompositionen zu haben. 

Bei der Aufführung eines seiner Werke kernt er Imthor kennen, der ihn auch einlädt, ein neues Werk bei ihm zu Hause aufzuführen. Bei dieser Gelegenheit lernt er schließlich dessen Tochter Gertrud kennen. Er verliebt sich in die junge Musikkennerin und Sängerin, spricht für sich gar direkt von Liebe. Aber wie der Leser bereits ahnt, wird es eine unerfüllte Liebe werden, erleidet sehr unter der Situation und verflucht sein verkrüppeltes Bein. Aber sie arbeiten zusammen an seiner ersten Oper, sie soll die Titelrolle singen, der männliche Part ist Heinrich vorbehalten. 

Bei den Vorbereitungen für die Aufführung seiner ersten Oper lernen sich Gertrud und Heinrich kennen und -wie zu erwarten war- langsam sich zu lieben, auch wenn Heinrich den Ruf als grober Liebhaber hat, der seine Partnerinnen auch mal schlägt. Für Kuhn eine noch größere Qual, er entwickelt Suizidgedanken, doch bevor die in die Tat umsetzen kann, wird er zu seinem sterbenden Vater gerufen. Nach dessen Tod sucht er wieder seinen ehemaligen Lehrer Lohe auf, der eine Gemütskrankheit bei Kuhn diagnostiziert.

Auf Lohes Rat hin kümmert er sich um seine Mutter, aber die beiden tun sich nicht gut, nach ein paar Monaten kehrt Kuhn zurück in die Stadt seiner früheren Anstellung, beendet seine Oper und fühlt sich nun erwachsener, er opponiert nicht mehr gegen Gertruds Beziehung zu Heinrich. Verzichten könnte man m.E. Auf die Geschichte mit seiner Mutter und seiner Tante und ihrer erfolglosen Wohngemeinschaft. Immerhin nimmt er sie zu sich nach Hause, ihre Beziehung wird etwas besser. Kurz vor der Premiere seiner Oper reist Kuhn nach München, trifft dort Gertrud und Heinrich wieder, empfindet deren Ehe aber kalt und distanziert. 

Umgekehrt ist die Schwester seines Freundes Teiser schon lange in ihn verliebt, was er aber auch nicht bemerkt und erst nach der Premiere seiner Oper erfährt, als Brigitte anhand seiner schmachtenden Blicke auf Gertrud erkennen muss, dass ihre Liebe auch ausweglos ist. Und genauso geht es mit umgekehrten Vorzeichen zu Ende. Gertrud und Heinrich sind sich so fremd geworden, dass Gertrud zunächst temporär zu ihren Vater zurückkehrt, während Heinrich weiter auftritt, sich aber nur mit Alkohol dazu motivieren kann. Als Kuhn ihn in München besucht, erleben die beiden einen schönen Abend, Heinrich sinniert über ihre Freundschaft. In der folgenden Nacht aber bringt er sich um, das was Kuhn nicht geschafft hat. Gertrud überwindet ihre Trauer, aber zwischen ihr und Kuhn bleibt „nur“ eine lebenslange Freundschaft.


Lesespaßfaktor:

Die Themen in diesem wirklich schönen, noch durchaus aktuellen Roman sind Musik, Natur, Einsamkeit (erst Kuhn, in seinem „Krüppel sein,,) und später Gertrud) sowie Hochmut (Figur des Muoth). Hesse schafft es auch in diesem Roman wieder, die Gefühle eines Menschen in schöne Sprache zu verwandeln, geprägt von tiefen psychologischen Einsichten. "Was ein Mensch für sich ist und erlebt, wie er wird und wächst und krankt und stirbt, das alles ist unerzählbar." 

Enttäuschte Liebe führt zu Einsamkeit, zu einer Gemütskrankheit („Entwicklungskrankheit der Jugend“), zu Lebensfrust und zu Suizidgedanken, aber auch zu einer größeren Lebensweisheit im Alter.




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