Montag, 28. September 2026

Sasa Stanisic - Herkunft

 

Zusammenfassung:

Saša Stanišić, geboren 1978 in Višegrad im damaligen Jugoslawien, ist ein deutschsprachiger Schriftsteller bosnisch-serbischer Herkunft. 1992 floh er mit seiner Familie vor dem Bosnienkrieg nach Deutschland und lebte zunächst in Heidelberg. Diese Erfahrung von Flucht, Sprache, Erinnerung und Zugehörigkeit prägt viele seiner Texte. Stanišić studierte unter anderem am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und wurde mit Romanen wie 'Wie der Soldat das Grammofon repariert' und 'Vor dem Fest' bekannt. Für das hier besprochene Werk  erhielt er 2019 den Deutschen Buchpreis. Sein Stil verbindet autobiografisches Erzählen mit Humor, Fantasie, sprachlicher Verspieltheit und einem kritischen Blick auf die Frage, was Identität eigentlich ausmacht.

Stanišić setzt sich mit seiner eigenen Biografie, seiner Familie und der Bedeutung von Herkunft auseinander. Ausgangspunkt sind Erinnerungen an seine Kindheit in Višegrad, an den Zerfall Jugoslawiens und an die Flucht nach Deutschland. Dabei erzählt er nicht streng chronologisch, sondern springt zwischen Orten, Zeiten und Erinnerungen. Besonders wichtig ist seine Großmutter, deren zunehmende Demenz die Frage nach dem Erinnern noch dringlicher macht: Was bleibt von einem Menschen, wenn Erinnerungen verschwinden? Zugleich beschreibt Stanišić seine Jugend in Deutschland, seine Erfahrungen als Geflüchteter und das Gefühl, zwischen verschiedenen Sprachen, Kulturen und Zugehörigkeiten zu leben.  Stanišić zeigt außerdem, dass jede Lebensgeschichte auch anders hätte verlaufen können. Deshalb mischt er autobiografische Fakten immer wieder mit erfundenen Möglichkeiten. So wird dieses Buch nicht nur zu einer persönlichen Familiengeschichte, sondern auch zu einem Buch über Heimat, Migration, Erinnerung und die Frage, wie Menschen ihre eigene Identität erzählen.

Lesespaßfaktor:

Zweifellos ist Stanisic ein begnadeter Autor, seine Art zu schreiben gefällt mir sehr gut, da er mit der deutschen Sprache wunderbar spielen kann, bedenkt man, dass er im damaligen Jugoslawien aufgewachsen ist und Deutsch erst mühsam später lernen musste. Allein bin ich dann doch nicht so ein Fan der Autobiografie. Und mein Interesse am zusammengebrochenen Jugoslawien sowie an den Gedanken an seine dement werdende Großmutter hält sich auch in Grenzen. Insofern ertappte ich mich dabei, gerade die Episoden aus seiner Heimat sehr flüchtig zu lesen. Ich sollte es mal mit einem seiner Romane versuchen.

♥♥♥♡♡







Sonntag, 13. September 2026

James Baldwin - Von dieser Welt


 

Zusammenfassung:

James Baldwin (1924–1987) war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Essayist. Er wuchs in Harlem in New York auf und setzte sich in seinen Werken besonders mit Rassismus, Religion, Identität, Sexualität und familiären Konflikten auseinander. Baldwin gilt als eine der wichtigsten Stimmen der afroamerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Dieses Buch (original 'Go Tell It on the Mountain') von 1953 ist Baldwins erster Roman und trägt stark autobiografische Züge. Im Mittelpunkt steht der 14-jährige John Grimes, der mit seiner Familie in Harlem lebt. Sein Stiefvater Gabriel ist ein strenger Prediger, der seinen Glauben autoritär auslebt und John häufig erniedrigt. John selbst schwankt zwischen religiöser Erwartung, Schuldgefühlen und dem Wunsch nach einem eigenen Leben. Ein großer Teil des Romans spielt während eines Gottesdienstes. Dabei werden in Rückblenden die Lebensgeschichten verschiedener Familienmitglieder erzählt, besonders die von Johns Mutter Elizabeth, seiner Tante Florence und Gabriel. Dadurch wird deutlich, wie sehr die Familie von Rassismus, Armut, Gewalt, Schuld und religiösem Druck geprägt ist. Im Verlauf der Nacht erlebt John eine intensive religiöse Erfahrung. Am Ende scheint er sich dem Glauben zuzuwenden, doch zugleich bleibt offen, ob dies wirkliche Befreiung bedeutet oder ob er damit nur in die von seiner Familie vorgegebene Welt eintritt.

Lesespaßfaktor:

Also ehrlich gesagt war es mir zu viel Predigen. Klar, der Gegensatz zwischen dem religiösen Übereifer und der gleichzeitigen Gewalt in der Familie, das Verachten der Nächstenliebe, besonders im Gegensatz Schwarz/Weiß, das ist gut herausgearbeitet, aber es fehlt einfach für einen Roman eine spannende Handlung. So habe ich mich ertappt, im letzten Drittel des Buches immer mal wieder Seiten zu überschlagen. 

♥♥♥♡♡




Freitag, 11. September 2026

Giuliano da Empoli - Der Magier im Kreml


Autor:

Giuliano da Empoli ist ein italo-schweizerischer Schriftsteller, Essayist und Politikwissenschaftler, der vor allem über Macht, Populismus, politische Inszenierung und die Wirkung digitaler Technologien auf die Politik schreibt. Er wurde 1973 in Neuilly-sur-Seine bei Paris geboren, wuchs unter anderem in Brüssel, Paris und Rom auf und studierte Jura an der Universität La Sapienza in Rom sowie Politikwissenschaft an Sciences Po in Paris. Das Ungewöhnliche an ihm ist, dass er die Welt der Politik nicht nur als Beobachter kennt. Er war Kulturdezernent bzw. stellvertretender Bürgermeister in Florenz, arbeitete als politischer Berater und beriet später auch den italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi. Außerdem gründete er den proeuropäischen Thinktank Volta und lehrt Vergleichende Politikwissenschaft an Sciences Po.

Buch:

Sein international bekanntestes Buch ist dieser Roman, worin ein geheimnisvoller ehemaliger Berater des russischen Präsidenten namens Vadim Baranow aus dem Inneren des Machtapparats erzählt. Die Figur erinnert stark an den realen Putin-Berater und politischen Strategen Wladislaw Surkow. Das Buch ist also keine klassische Putin-Biografie, sondern eine Mischung aus politischem Roman, Zeitgeschichte und Reflexion über die Mechanik der Macht. Es erhielt 2022 den 'Grand Prix du Roman' der Académie française und stand im Finale des Prix Goncourt.

Hauptfiguren:
  • Wladimir Baranow, fiktiver Berater von Putin
  • Putin, hier genannt der Zar
Inhalt und Rezeption:

Der unbekannte französische Erzähler interessiert sich für die Wiederauflage eines Buches des russischen Schriftstellers Samjatin ('Wir') aus der Zeit der ersten russischen Revolution von 1905. Dafür reist er nach Moskau und über seine Internetrecherchen bekommt er Kontakt zu einem vermeintlich jungen Studenten namens Brandeis, der sich ebenfalls für diesen Schriftsteller interessiert und ihn zu sich nach Hause einlädt. 

Dahinter verbirgt sich jedoch Baranow, der dem Erzähler in seinem abgelegenen Domizil eine Brief Samjatins an Stalin zeigt, in dem dieser um Begnadigung für sich als unbequemen Künstler bittet. Damit ist das Thema gesetzt, der Künstler als Spielball im Spiel der Macht. "Kein von mir geschriebenes Buch wird jemals dem Spiel der Macht gerecht werden." 

Baranow beginnt, über sein Leben zu berichten, Geschichten von seinem  aristokratischen Großvater, der nach der Machtergreifung der Kommunisten zwar sein Vermögen verlor, aber bis zu Gorbatschows Machtübernahme ein gutes Auskommen im System hatte. Und über seinen Vater,ebenfalls ein Mitarbeiter im Regierungssystem, der früh verstarb. Aber es geht weniger um eine echte Lebensgeschichte, sondern um die Funktionsweise der Macht, so zählte in der Sowjetunion nur die Nähe zur Macht, nicht das Geld. Ein schönes Detail sind dabei die 'Wertuschkas', die wenigen Telefone, mit denen die Mächtigen ausschließlich untereinander telefonierten. 

Er selbst studiert Schauspiel und ärgert sich über seine Freundin Xenja, die einen reich gewordenen Freund von ihm (Chodorkowski) bevorzugt. Um mehr Einfluss zu bekommen („Ich wollte Teil meiner Epoche sein, nicht ihr Kommentator.“) wechselt er in die Fernsehproduktion, wo er einerseits Trash-Fernsehen produziert, andererseits die Einflussnahme des Eigentümers des Fernsehkanals auf die Wiederwahl des kranken Jelzin erlebt. Als nächstes wechselt er in das Politikfach, man (das Fernsehen und sein Besitzer Boris Beresowski) will mit Hilfe des Fernsehens einen Nachfolger für den immer kränkeren Jelzin aufbauen und eine neue Partei gründen. Beim Geheimdienst trifft Baranow erstmals auf den jungen Putin. Sie überzeugen ihn, dass nach Jelzin die Menschen wieder mehr Autorität wollen. Direkt wird Baranow klar, was für ein Machtmensch Putin ist, der ihn an seinem Chef vorbei für sich rekrutiert und Boris fallen lässt, ihn aber immerhin ins Ausland gehen lässt.

Nachdem Putin von Jelzin zum Ministerpräsidenten ernannt wurde, nahm die Machtübernahme Fahrt auf. Vermeintliche tschetschenische Terroranschläge in Moskau im Jahr 1999 gaben den Anlass für die Bombardierung des Flughafens in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny, Putin gewann immer mehr Macht und Respekt für das entschlossene Vorgehen, so dass er im ersten Wahlgang zum Präsidenten gewählt wurde. Seine maskenartige Distanziertheit kam zunächst gut an, wurde aber zum Problem, als ein russisches Atom U-Boot sank und die Medien seine Abwesenheit bemängelten. Hier wird das Ende nicht erzählt, es geht direkt weiter zum nächsten Kapitel, der Ausschaltung der Oligarchen, die sich in der kurzen halbdemokratischen Zeit bereichert haben, als ersten trifft es den Königsmacher, Baranows Chef beim Fernsehen (s.o.).

Putin beginnt sich auch auf internationalem Parkett zu bewegen, mir war etwa entfallen, dass in 1990er Jahren Clinton Jelzin mal öffentlich auslachte, als dieser nach einer Vertragsunterzeichnung volltrunken eine Rede gehalten hat. Diese Art der Herablassung ist es, die Putin und viele Russen nachhaltig prägte und bis heute nachwirkt. Nächstes Opfer wurde dann Chodorkowski, der reichste Russe wurde öffentlichkeitswirksam verhaftet, Putin kanalisierte den vermeintlichen Volkszorn in stalinistischer Art und Weise. So geht es durch die weitere Geschichte, die Revolutionen in Georgien und in der Ukraine, bei letzterer sieht die russische Macht den Westen und speziell den CIA als Drahtzieher. Alles dreht sich sich um den Antagonismus zwischen dem großen Russland und den Westen als totalen Feind. 

Als Wendepunkt im russischen Selbstverständnis gilt die Episode mit Putins Hund beim Besuch von Merkel, ab jetzt will man Stärke zeigen und die Unterschiede zum Westen deutlicher zeigen. Auch die hybride Informationskriegsführung ersinnt Baranow zusammen mit Prigoschin, einem alten Freund Putins, früher Restaurantbesitzer, später Anführer einer Privatarmee. Relativ viel Raum wird der Vorbereitung der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Sotschi eingeräumt, die Baranow als alter Theatermann vorbereiten darf. Kurz vor den Spielen schafft er es auch, Putin zu überzeugen, seinen alten Freund Chodorkowski zu begnadigen, ihm geht es aber nur darum zu beweisen, dass sich dessen damalige Frau nun wieder für ihn entschieden hat, da er mehr Macht besitzt. 

Zum Schluss des Buches, es ist das Jahr 2014, beginnt die Krise um die Ukraine, als russische Kampfverbände aus Söldner und Freiwilligen den Donbass im Osten der Ukraine besetzen. Das Ziel ist zunächst gar nicht, die Russen in der Ostukraine heim ins Reich zu holen, sondern um Chaos zu stiften, zu zeigen, dass die Orangene Revolution nichts als Anarchie gebracht hat und westliche Werte ins Verderben stürzen. 

Das Ende ist der Abschied Baranows von der Macht. Seine Frau erwartet ein Kind und erkennt seine Rolle, die er ursprünglich nur aus Neugier übernommen hat. "Das Vertrauen eines Fürsten ist kein Privileg, sondern eine Verdammnis." Putin braucht ihn nach 20 Jahren nicht mehr, er reicht seinen Rücktritt ein. Zum Ende breitet er dystopische Zukunftsvisionen aus, nach denen zukünftig allein ein mittelmäßiger Mensch , der Macht über die Technik hat, auch die Macht über die Welt haben wird, die Menschen waren nur das Werkzeug für den Aufstieg der Maschinen. Nun ja, vielleicht ist das etwas übertrieben, aber wer weiß das schon! Immerhin erkennt der Protagonist dieses Werkes am Ende, dass seine kleine Tochter ihn die Verantwortung für etwas ganz anderes gibt als nur die Neugier an der Macht.

Lesespaßfaktor:

Das Buch sollte jeder Putin Freund mal lesen, um zu verstehen, wie in Russland die politischen Verhältnisse allein auf der Ausübung von Macht gegründet sind, Menschen sind allein Instrumente, Menschlichkeit zählt gar nichts. Dennoch unterstützt die Mehrheit der Bevölkerung das staatliche System, was nur vor dem Hintergrund der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu verstehen ist.

Ich finde die Verknüpfung von Fiktion und Realität sehr gelungen, auch wenn die Gefahr besteht, dass der Leser den fiktiven Teil für bare Münze nimmt. Da Empoli schafft es, die machiavellistische Betrachtung des Machtapparates messerscharf zu beschreiben, den Zynismus der Macht. Spannend und bedrohlich ist das.

♥♥♥♥♥