Freitag, 30. Januar 2026

Alberto Moravia - Die Römerin

 

Autor:

Alberto Moravia (1907–1990) war ein bedeutender italienischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter des realistischen und gesellschaftskritischen Romans in Italien. In seinen Werken thematisierte er häufig Entfremdung, sexuelle Moral, Machtverhältnisse, Langeweile und den geistigen Verfall des Bürgertums, besonders im Kontext des italienischen Faschismus und der Nachkriegszeit. Zu seinen bekanntesten Romanen zählen „Gli indifferenti“ (Die Gleichgültigen), „La noia“ (Die Langeweile) und „Il conformista“ (Der Konformist), von denen mehrere erfolgreich verfilmt wurden. Moravia schrieb zudem Essays, Kurzgeschichten und Reiseberichte. Sein klarer, nüchterner Stil und seine psychologische Genauigkeit machten ihn international bekannt.

Buch:

Das Werk zählt zur Jahrhundertedition des Bertelsmann Clubs und steht seit vielen Jahren in meiner Bibliothek. Veröffentlicht wurde das Buch erstmals 1947 unter dem Titel 'Adriana - Ein römisches Mädchen'. Das Werk wurde von der katholischen Kirche auf den Index gesetzt, da es als anstößig galt. Mal sehen!

Hauptfiguren:
  • Adriana,
  • ihre Mutter, Näherin
  • Gino Molinari, ein junger Mann aus der Nachbarschaft, Chauffeur
  • Gisella, ebenfalls ein Modell und ihre Freundin
  • Stefano Astarita, ein reicher Freund von Ricardo
  • Giacomo 'Mino' Diodati, ein junger Mann, mit dem Adriana sich anfreundet
  • Sonzogno, ein früherer Arbeitskollege von Gino
Inhalt und Rezeption:

Erster Teil:

Erzählt wird die Geschichte aus Sicht der älteren Ich-Erzählerin. Zu Beginn ist Adriana 16 Jahre alt, bildhübsch und beginnt als Aktmodell für Maler zu arbeiten, wie dies ihre Mutter, mit der sie zusammenlebt, auch schon getan hatte. Sie leben in Rom in armen Verhältnissen, ihr Vater ist gestorben und ihre Mutter arbeitet als Näherin. Beide träumen von einem besseren Leben. Die Mutter will die Schönheit der Tochter zu Geld machen. So soll sie Tänzerin in einem Varieté werden, aber dafür ist sie nicht geeignet, sie sei eher eine Amme. Sie selbst träumt von einer bürgerlichen Existent als Ehefrau mit eigenen Kindern. 

Eines Morgens lernt sie Gino kennen, der sie fortan morgens zu den Studios der Maler fährt und da er sich nicht leicht belästigt, verliebt sie sich in ihn und verlobt sich mit ihm und hält ihn zunächst für einen guten Mann. Moravia schafft es hier schon, dass der Leser direkt weiß, dass es dabei nicht bleiben wird. 
"Und es ist allbekannt, daß die Liebe eine Brille ist, durch die selbst ein Ungeheuer anziehend wirken kann."

Adriana wird von Gino entjungfert, ihre Mutter glaubt danach, dass er sie nicht mehr heiraten werde, da er schon alles hatte, was er begehrte. Und sie lernt die körperliche Befriedigung schätzen. Nicht nur ihre Mitter, sondern auch ihre neue Freundin Gisella missbilligen die Verlobung, sie versucht vielmehr, Adriana auf ihr Niveau herabzuziehen, also lieber für schöne Kleider mit reichen, wenn auch verheirateten Männer auszugehen als tugendhaft an einer Verlobung mit einem armen Chauffeur festzuhalten. Entsprechend hält Gino nichts von Gisella. Aber sie hat Erfolg: Auf einem Ausflug zusammen mit Stefano machen sie Adriana betrunken, so dass Stefano es leicht hat, sie gegen ihren Willen zum Sex zu zwingen, indem er droht, ihrem Verlobten von dem Ausflug zu erzählen. Aber dieser Vorfall machte Adriana hart und abweisend und sie akzeptiert erstmals Geld für die hier noch unfreiwillige Bereitstellung ihres Körpers.

Stefano ist aber so verliebt in Adriana, dass er seine Stellung bei der politischen Polizei ausnutzt, um ihr mitzuteilen, dass Gino bereits verheiratet sei. Sie ist zunächst traurig, aber beschließt dann, von nun an ihre Geld mit ihrer Schönheit zu verdienen und nicht mehr als Modell oder Hilfsnäherin zu arbeiten. Ein Handelsvertreter, den Gisella ihr zuführt, ist der erste Freier, ein selbstverliebter, langweiliger Mann, den sie mit nach Hause nimmt und damit gerade ihre Mutter düpiert. Schonungslos werden die jeweiligen Motive des Freiers und von Adriana dargestellt.

Sie legt ihre unterwürfige Art  und beginnt mit den Männern zu spielen. Zuvorderst mit Gino, den sie kalt abserviert, ohne ihm direkt zu sagen, dass sie weiß, dass er verheiratet ist. Das ist so wunderbar zynisch! Aber dennoch leidet Adriana unter ihrer neuen Rolle, unter dem kühlen Panzer befindet sich immer noch die sensible Seele des jungen, unschuldigen Mädchens. Zwar habe sie und ihre Mutter nun mehr Geld, aber das wird auch sofort ausgegeben, die Mutter hört auf zu arbeiten, wird träge und dick, Adriana kauft mehr Kleidung und fängt schnell an, sich in der neuen Routine zu langweilen. 

Zweiter Teil:

Es ist einige Zeit vergangen. Adriana geht ihrem Beruf nach, eines Tages lernt sie den politischen Aktivisten (Gegner des Mussolini Regimes) Giacomo 'Mino' kennen, als sie zusammen mit Gisella von zwei Männer angesprochen wird. In ihn verliebt sie sich, aber er weist sie zunächst zurück. Gino stellt ihr Sonzogno vor, einen gewalttätigen Schläger und Mörder, mit dem sie schlechte Erfahrungen macht, aber gleichzeitig auch von seiner macht und Rohheit angezogen wird; es dreht sich um eine von ihr vormals bei Ginos Chefin gestohlene Puderdose, wegen der dieser einen Juwelier getötet hat und wegen der ein unschuldiges Hausmädchen in Haft sitzt. Adriana schaltet Astarita ein, um das Hausmädchen zu retten.

Mino kommt zu Besuch und bittet sie, Unterlagen für ihn aufzubewahren, was sie gerne akzeptiert, da sie sie (einseitig) in ihn verliebt ist. Später besucht sie ihn, ihre Beziehung ist aber irgendwie seltsam, er ist gleichzeitig emotionslos distanziert und doch auch von ihr angezogen, liebt sie aber nicht und macht sich oft über sie lustig. Aber für Adriana ist es bisher die engste Beziehung, sie arbeitet zwar weiter als Prostituierte, aber sie glaubt nun, dabei Mino zu betrügen. Und dann trifft sie Sonzogno wieder und die Hoffnung auf ein neues Leben schwindet dahin, er schlägt sie und sie flüchtet vor ihm aus ihrem eigenen Zimmer, nur um festzustellen, dass am selben Tag Mino verhaftet wurde und kurze Zeit später die Polizei deshalb bei ihr vorbeischaute, dort ausgerechnet Sonzogno antraf, der einen Polizisten erschoss, flüchtete und nun glaubte, sie hätte ihn verraten.

Es stellt sich heraus, dass Mino nach seiner Verhaftung seine politischen Freunde verraten hat und deshalb, genauso wie aufgrund Adrianas Fürsprache bei Astarita, wieder entlassen wurde, sich nun aber mit Gewissensbissen quält. 

Adriana ist schwanger, ausgerechnet der Mörder Sonzogno ist ihrer Meinung der Vater, sie erzählt aber Mino, er sei der Vater, das ist ihre Hoffnung, dass er sie doch richtig zu lieben lernen könnte. Showdown: Die drei wichtigsten Männer in Adrianas Leben verschwinden: Astarita wird von Sonzogno wegen eines vorhergehendes Streites ermordet, der daraufhin von einem Unbekannten erschossen wird (war es vielleicht Mino?) und Mino verschwindet in derselben Nacht, er hat sich selbst erschossen, da er nicht über seinen Verrat hinwegkam und seinen Gefühlen für Adriana nicht trauen wollte.


Lesespaßfaktor:

Dieser Roman ist ein Werk über die Liebe, die Zerrissenheit, die Armut , über den Wunsch nach einem bürgerlichen Leben und dann wieder auch nicht. Er ist sehr psychologisch aus der Sicht einer jungen Frau erzählt, die ihr Leben als junge Prostituierte verbringt und immer von einem anderen Leben träumt. Die Erzählung über die unreife Jugend aus der Sicht der reiferen, erfahrenen Erwachsenen zu erzählen, das ist gut konstruiert und führt zu schönen kleinen Spitzen über die jugendliche Naivität, gleichzeitig ist aber auch klar, dass die vermeintlich reife Selbstreflexion der jungen Adriana nicht realistisch ist, dann es spricht der reife, intellektuelle Erzähler Moravia.

Moravia versteht es, Menschen zu beobachten und zu beschreiben, so über Adrianas ersten Freier: "..., er sprach nicht wegen besserer Verständlichkeit so deutlich, sondern um sich selbst zuzuhören und den Klang seiner Worte zu genießen.". Für die 1940er Jahre war die schonungslose Darstellung des Berufes einer Prostituierten vermutlich ziemlich radikal, so verwundert die Reaktion der Kirche auf diesen Roman nicht. 

Die Liebe ist oft einseitig, Adriana wird hoffnungslos geliebt von Astarita, den sie nicht liebt, umgekehrt geht es ihr mit Giacomo. Es geht auch um Armut und Reichtum, Adriana ist zwar schön, aber eben auch arm und ungebildet. Ein schönes Zitat: „Der Reiche liebt die Armen ganz gewiss nicht, aber er fürchtet sie auch nicht; er weiß selbstgefällig und stolz die Distanz zu wahren.“ 

Mir hat das Buch gut gefallen, es ist auch spannend zu lesen, dem Leser geht das Schicksal der Protagonistin und ihrer Träume nahe. Ein letztes schönes Zitat: "So sieht jeder das eigene Paradies in der Hölle der anderen."



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